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Interview

„Transparenz ist der Schlüssel“

Foto: CDP

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CDP-Europa-Chef Steven Tebbe.

Interview: Isaac Bah, 08.09.17
Die Non-Profit-Organisation CDP hat das Rating Climetrics entwickelt, mit dem Investoren Fonds auf ihre Klimaverträglichkeit überprüfen können. Im Interview mit neue energie erklären CDP-Europa-Chef Steven Tebbe und Maximilian Horster, Geschäftsführer des Projektpartners ISS-Ethix Climate Solutions, wie das neue Rating funktioniert.

neue energie: Climetrics soll es Anlegern ermöglichen, den Klimawandel in ihre Investitionsentscheidungen miteinzubeziehen. Wie funktioniert das und welche Anleger wollen Sie damit ansprechen?

Steven Tebbe: Viele Menschen empfinden die Bedrohung des Klimawandels als sehr abstrakt und wissen nicht, was sie individuell dagegen tun können. Wir nähern uns diesem Problem vor allem aus der Sicht der Geldanleger, indem wir Fondsprodukte bewerten und uns anschauen, welche Auswirkungen sie auf das Klima haben. Climetrics ist also ein Tool, mit dem Investoren Taten sprechen lassen können, indem sie sich für die richtigen Anlageprodukte entscheiden.

Maximilian Horster: Das Rating richtet sich zwar insbesondere an nicht-professionelle Investoren, ist aber auch für professionelle Anleger interessant. Es wurde mit EU-Mitteln finanziert, um auch Kleinanlegern eine Möglichkeit zu bieten, Fonds dahingehend zu bewerten, welches Produkt am klimaverträglichsten ist. Climetrics funktioniert sehr einfach: Wir ordnen die Fonds in Kategorien ein, die mit einem bis fünf grünen Blättern gekennzeichnet sind, wobei fünf Blätter die beste Bewertung darstellen. Fünf grüne Blätter in unserem Rating bedeuten, dass es sich um ein Fondsprodukt handelt, das gut für das Klima ist. So erhalten Anleger schon auf den ersten Blick ein simples Signal für ihre Investitionsentscheidung.

ne: Mit Climetrics bewerten Sie nicht nur ausgewiesen „grüne“, sondern auch normale Fondsprodukte. Welche Kriterien spielen für ein gutes Rating eine Rolle?

Horster: Wir bewerten die Fonds auf drei Ebenen. Zunächst „entpacken“ wir die Fonds, um zu sehen, in welche Unternehmen der Fonds investiert. Jedes dieser Unternehmen erhält von uns eine Bewertung, für den gesamten Fonds berechnen wir dann einen Durchschnittswert. Dann sehen wir uns auch die Ausrichtung des Fonds an, hat er das Thema Klimawandel bereits im Fokus, erhält er Extrapunkte. Die dritte Ebene beschäftigt sich mit der Rolle der Fondsmanager. Ist es eine bewusste Entscheidung, den Fokus aufs Klima zu setzen, die sich auch in anderen Fondsprodukten widerspiegelt? Wie sieht die allgemeine Strategie des Fondsemittenten in diesem Zusammenhang aus? Kurz: Was bedeutet die Klimawandelproblematik für die Manager eines Fonds.

Tebbe: Es gibt bereits einige Klimafonds, die explizit auf ihren geringen CO2-Fußabdruck hinweisen. Dabei handelt es sich aber bislang um Nischenprodukte. Außerdem ist oft weder für Privatanleger noch für Profis klar erkennbar, wie sich der Fonds zusammensetzt. Bei Climetrics wird prinzipiell jeder Fonds bewertet, egal ob er ausgewiesen “grün” ist oder nicht.

ne: Wie gewichten Sie die die relevanten Bewertungsmerkmale in Ihrem Rating?

Tebbe: Am wichtigsten ist die Portfolio-Bewertung, mit der die Klimaauswirkungen der Unternehmen gemessen werden, in die der Fonds investiert ist. Sie macht 85 Prozent der finalen Bewertung eines Fonds aus. Der Score für die Fondsgesellschaftenbewertet, inwieweit diese den Klimawandel in ihre Anlageprozesse- und Unternehmensführung einbeziehen. Dieser Wert hat im Rating eine Gewichtung von zehn Prozent. Der Fondsstrategie-Scoreidentifiziert Fonds mit einem speziellen ESG*-Auftrag, was wiederum mit fünf Prozent in die Gesamtnote einfließt.
*(Environmental Social Governance, Anm. d. Red.)

ne: Kritiker Ihres Analyse-Tools monieren unter anderem, dass in dem Rating nur diejenigen Fonds auftauchen, die besonders gut abschneiden. Anleger könnten sich dadurch kein vollständiges Bild der aktuellen Fondslandschaft machen…

Tebbe: Wenn ein bestimmter Fonds nicht mit vier oder fünf Blättern gekennzeichnet ist, hat er ein bis drei Blätter und ist damit bezüglich seiner Klimaauswirkungen nicht besonders gut. Was man dabei nicht erfährt ist, ob er wirklich richtig schlecht, nur ein wenig schlecht oder einfach durchschnittlich ist. Natürlich haben wir auch die entsprechenden Daten für diese Fonds. Wir haben uns in der Anfangsphase, in der wir uns noch befinden, dafür entschieden, uns auf die positive Beispiele zu konzentrieren. Das hat auch mit der Unternehmenskultur zu tun, die wir bei CDP pflegen. Wir wollen die besten Fonds und Unternehmen fördern, nicht die schwarzen Schafe an den Pranger stellen. Uns ist bewusst, dass selbst die Fonds mit vier oder fünf Blättern bestimmt nicht perfekt sind. Aber es sind unserer Analyse zufolge die besten Klimafonds, die es zurzeit am Markt gibt. Nach Beendigung der Anfangsphase im kommenden Jahr werden wir definitiv alle Ratings offenlegen – auch die schlechten.

ne: Weltweit werden Fonds mit einem Volumen von rund 32 Billionen US-Dollar gehandelt, Climetrics deckt davon gerade einmal zwei Billionen US-Dollar ab. Ist das nicht der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein?

Tebbe: Aktuell decken wir rund 60 Prozent des europäischen Fondsmarkts ab, das entspricht in der Tat „nur“ zwei etwa Billionen US-Dollar. Auf der anderen Seite sammeln wir bei CDP seit 15 Jahren klimarelevante Unternehmensdaten, die heute rund 80 Prozent der Marktkapitalisierung in Europa und den USA abdecken. In der derzeitigen Anfangsphase konzentrieren wir uns bewusst auf Europa, wobei das Fonds miteinschließt, die in anderen Regionen emittiert, aber auch in Europa gehandelt werden. CDP verfügt beispielsweise bereits jetzt über die Datensätze einer Vielzahl US-amerikanischer Firmen. Dieses Wissen lassen wir in die Bewertung europäischer Fonds einfließen, die diese Firmen im Portfolio haben. Nach Abschluss der Testphase wollen wir mit unserem Tool in die USA und den Rest der Welt expandieren.   

ne: Wie unterscheidet sich Climetrics von Bewertungssystemen bekannter Anbieter wie Sustainalytics, Oekom oder MSCI?

Horster: Climetrics ist einmalig. Es gibt zwar Fonds-Ratings mit ESG-Fokus, aber keines, das ausschließlich Klimaauswirkungen berücksichtigt. Rating-Agenturen wie Sustainalytics, Oekom oder MSCI befassen sich vor allem mit der Bewertung einzelner Unternehmen, das unterscheidet sich grundlegend von unserer Methodik für die Fonds-Bewertung. Zudem sind ESG-Kriterien sehr weit gestreut und heben sich manchmal gegenseitig auf. Beispielsweise könnte das bedeuten, dass ein Fonds einen hohen ESG-Score erzielt, weil darin besonders viele Unternehmen enthalten sind, die über gute Sozialstandards verfügen, während sich nur ein kleiner Teil der Unternehmen im Fonds um die Verringerung ihres CO2-Fußbadrucks bemüht.

Tebbe: Bei ESG-Ratings schmeißt man praktisch drei riesige und wichtige Probleme in einen Topf. Das führt am Ende dazu, dass ein wenig aussagekräftiger Durchschnittswert bei der Bewertung herauskommt, anstatt sich jedem dieser Probleme im Detail zu widmen. Mit Climetrics konzentrieren wir uns auf ein Problem: den Klimawandel. Man kann so viele Produktkategorien und Bewertungsmethoden erstellen, wie man will. Solange niemand versteht, wie eine bestimmte Bewertung zustande kommt, ist das alles nicht glaubwürdig. Daher ist in diesem komplexen und sensiblen Bereich Transparenz der Schlüssel. Denn sie schafft Vertrauen. Das hat mittlerweile auch die Politik erkannt. In Frankreich und Schweden sind große institutionelle Anleger verpflichtet, mögliche Klimawandelrisiken in ihren Investitionen zu melden. Die EU-Kommission erwägt die Einführung vergleichbarer Richtlinien. Investoren werden trotzdem nicht über Nacht klimafreundlich und handeln nur noch nach ethischen Gesichtspunkten. Dazu bedarf es eines größeren Hebels. Daher setzen wir bei CDP auf die Macht der Märkte und wollen auf dieser Ebene für mehr Transparenz sorgen. Mit Climetrics wollen wir mithelfen, einen Business Case für die Klimawandelthematik aufzuzeigen.

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