ENERGIEPOLITIK _Titel I n t e r v i e w Die Bahn kann im Sinne des Klimaschutzes nicht gesteuert werden … ist Mobilitätsexperte Andreas Knie überzeugt. Er fordert deshalb, die Fehler der Bahnreform von 1994 zu beenden und einen wirklich integrierten Konzern zu schaffen. Interview: Jörg-Rainer Zimmermann neue energie: Das alte Bahn-Motto ‚Von der Straße auf die Schiene‘ hat enormes Klima- Aufgabenträger im Wettbewerb ausgeschrie- ben werden. schutz-Potenzial. Bislang funktioniert die Kli- ma-Transformation des Konzerns aber nicht, ne: Ausschreibungen gelten nach wie vor als obwohl er sich nach außen anders verkauft. Was läuft schief? Andreas Knie: Für diese Wende brauchen wir eine Bahn, die attraktiv und leistungsfähig ist. Dass die bisherigen Anläufe nicht den durch- schlagenden Erfolg haben, lässt sich aber ursächlich auf die Bahnreform von 1994 zu- rückführen. Es gab damals zwei Ziele. Einmal sollte der Schienenbetrieb so organisiert sein, dass keine Schulden produziert werden. Und dann war da immer die Idee, möglichst viele Menschen auf der Schiene zu befördern. ne: Das wäre der Klimaschutz-Booster … Knie: Nur, dass 1994 der Klimaschutz nicht das Thema war. Umgesetzt wurde das Vor- haben, indem die Bahn in einen, ich sage mal, gemeinnützigen Teil aufgeteilt wurde, der die Schieneninfrastruktur bereitstellt, und in ei- nen eher privatwirtschaftlich organisierten Teil für den Fernverkehr. Der Nahverkehr, der zwei Drittel des Personenverkehrs ausmacht, wurde in die Obhut der Länder gegeben. Das war der Preis, den der Bund zahlen musste, damit die Länder der Bahnreform zustimm- ten. Zudem bekamen die Länder die soge- nannten Regionalisierungsmittel, also Geld, um den Schienenverkehr in eigener Regie möglichst effizient und günstig zu organisie- ren. Damals gingen alle davon aus, dass das funktioniert, wenn Schienenverkehre vom wirtschaftspolitische Wunderwaffe… Knie: Die Rechnung ging im Fall der Bahn nur durch Lohndumping und eine eingebaute In- novationsfeindlichkeit auf, die Bieter hatten es ja in der Regel mit relativ ähnlichen Kosten zu tun und nach Zuteilung wurde der Status quo der Angebotserstellung dann festgeschrieben. Obendrein entstand ein teurer bürokratischer Überbau. Denn dieser Wettbewerb muss or- ganisiert, überwacht und bei Anfechtung der Vergabeentscheidungen juristisch betreut werden. Innerhalb der DB entstanden dann nach der Bahnreform praktisch täglich neue Tochterfirmen. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Diese Strukturen verhindern, dass es eine in- tegrierte Bahnstrategie geben kann. Die Bahn ist praktisch strategisch nicht mehr zu führen und kann daher im Sinne des Klimaschutzes auch im augenblicklichen Zustand nicht ge- steuert werden. ne: Weil ‚von der Straße auf die Schiene‘ so nicht funktioniert… Knie: Gemessen am Stand von 1994 ist der Anteil des Personenverkehrs bis 2019, also kurz vor der Pandemie, leicht gestiegen. Wir sprechen von etwa zehn Prozent, je nachdem, wie gezählt wird. Gemessen an dem Aufwand, der dafür mit neuen Strecken betrieben wur- de, reicht das aber nicht. Jetzt, nach der Pan- demie, liegen wir bei rund 80 Prozent der al- ten Beförderungsmenge von 2019. Dieses Volumen müssten wir, um die nationalen Kli- maziele zu erreichen, verdreifachen. Mit un- seren aktuellen Erkenntnisse befürchten wir allerdings, dass die Fahrgastzahlen nochmals sinken könnten. ne: Weshalb? Knie: Die Bahn versucht, die offenkundigen Probleme mit teuren Sanierungsarbeiten zu lösen. Für mich ist das aber eine Kahlschlag- sanierung, die sofort beendet werden müss- te. Statt wichtige Strecken über Monate hin- weg stillzulegen, muss sozusagen unter dem laufendem Rad saniert werden. Das war in der Vergangenheit Standard. Heute will man alles besser machen und vergisst völlig den Kunden: Nach der Kahlschlagsanierung wird die Fernbahn möglicherweise ein Drittel ihrer Fahrgäste verloren haben. Und die kommen nicht mehr wieder. ne: Dazu kommen noch die Stilllegungen von Bahnstrecken in ländlichen Regionen… Knie: Sicher muss betrachtet werden, wo sich die Schiene lohnt, wo ihre Stärken sind. Und die sehe ich bei sogenannten gebündelten Verkehren, also dort, wo es ein hohes Passa- gieraufkommen gibt. Wenn dort Kapazitäten fehlen, muss zugebaut werden. Das ist hier- zulande der Fall bei den Nord-Südkorridoren, bei Strecken wie etwa Berlin-Ostsee oder in den Gebieten Rhein-Main und Rhein-Ruhr. Da- neben gibt es die, ich sage mal, Ausflugsbah- nen, landschaftlich schöne Strecken, die aber 24 neue energie 06/2024