Energiepolitik

„Nord Stream 2 ist für uns eine Art Versicherungspolice“

Interview: Astrid Dähn und Jörg-Rainer Zimmermann, 04.03.21
... sagt Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die neue Pipeline aus Russland helfe, Nachfragespitzen beim Erdgas zu decken und die Preise auf dem Wärme-markt zu glätten. Um sich unter den Energiesupermächten der Zukunft behaupten zu können, müsse Europa jedoch dringend auf andere Schlüsseltechnologien setzen.

neue energie: Immer mehr Regierungen und Wirtschaftslenker erkennen mittlerweile an, dass wir unsere Energiesysteme im Kampf gegen den Klimawandel schleunigst umstellen müssen. Welche Rolle spielt Erdgas in Zeiten der Energiewende global noch?

Kirsten Westphal: Die fossilen Energien müssen aus dem Mix, wenn wir klimaneutral werden wollen. Während die Sache bei Kohle und Öl klar ist, wird Erdgas als Brücke in eine nachhaltige Energieversorgung diskutiert. Meines Erachtens zeigt sich derzeit das Spannungsverhältnis zwischen Tiefe und Geschwindigkeit bei der Dekarbonisierung unserer Energiesysteme. Um über 90 Prozent CO2-Emissionen einzusparen, dürfen wir Erdgas natürlich nicht mehr nutzen. Es bietet aber Lösungen, um die Emissionen schnell und teilweise signifikant zu reduzieren. Das ist ein Dilemma. Meine Angst ist, dass wir uns auf dem Transformationsweg nur auf das wirklich Beste fokussieren und deshalb das Gute nicht mehr machen, sondern uns auf Technologien versteifen, von denen wir noch nicht wissen, ob sie so weit tragen, wie wir hoffen.

ne: Was meinen Sie damit konkret?

Westphal: Nehmen Sie zum Beispiel den Verkehrs- und Wärmesektor. Dort ließen sich relativ rasch größere Einsparungen erzielen, wenn man statt Öl mehr Erdgas nutzen würde, etwa bei Schwerlasttransporten oder im Schiffsverkehr. Auch bei der Stromerzeugung haben die USA oder Großbritannien Emissionen eingespart, indem sie Kohle mit Erdgas ersetzt haben. Das bringt uns zwar keine Klimaneutralität, aber schnell eine Reduktion. Zu diesem Zweck könnte man über die Dekarbonisierung der Gaswertschöpfungskette nachdenken. Das bedeutet vor allem zwei Schritte: Methan-Emissionen in der Gaswertschöpfungskette zu reduzieren und Erdgas zur Erzeugung von blauem oder türkisem Wasserstoff einzusetzen, indem das entstehende CO2 abgespalten und gespeichert wird. Biomethan könnte – bei allen Vorbehalten – ebenfalls eine Rolle spielen. Diese Diskussionen werden in Deutschland zu wenig geführt, mit Verweis darauf, dass nur der grüne, mit Ökostrom produzierte Wasserstoff CO2-neutral und klimafreundlich sei. Man könnte Wasserstoff auch zu gewissen Prozentteilen ins Erdgasnetz einspeisen. Das würde die Emissionen ebenfalls verringern, auch wenn viele dagegenhalten, dass sich so die Nutzung von Erdgas zeitlich verlängert.

ne.: Im Rahmen der Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes wurde diskutiert, wie sinnvoll es ist, das Erdgasnetz und ein künftiges Wasserstoffnetz strikt voneinander zu trennen. Wie sehen Sie das?

Westphal: Ich finde das eine sehr schwierige Diskussion, sie ist stark an die Frage gebunden, wie unsere Wasserstoffwelt 2030, 2040, 2050 aussehen soll. Wenn man davon ausgeht, dass grüner Wasserstoff ein seltenes und wertvolles Gut bleibt, das zunächst vor allen Dingen stofflich und zur Erzeugung von Hochtemperatur-Prozesswärme in der Industrie zum Einsatz kommt, dann liegt es nahe, auf ein getrenntes Wasserstoffnetz zu setzen. Wenn man aber Wasserstoff sukzessive auch in anderen Sektoren einsetzen will und ihm eine größere Rolle bei der Systemstabilität und bei der Versorgungssicherheit zugesteht, dann sollte man die Infrastrukturplanung meiner Ansicht  verschränkt angehen. Wir haben ja mit gutem Grund Gaskraftwerke als Netzreservekraftwerke. Und wir diskutieren mit gutem Grund in Europa eine gemeinsame Netzentwicklungsplanung von Strom und Gas. Da kann Wasserstoff irgendwann auch eine wichtige Funktion als Netzstabilisator und Speichermedium bekommen. Insofern sollte man das zusammendenken.

ne: Wenn man die Situation etwas globaler betrachtet: Welche Weltregionen spielen bei der Erdgasversorgung derzeit und in näherer Zukunft noch eine wichtige Rolle?

Westphal: Den Blick global zu weiten halte ich für ganz wichtig. Wir betrachten häufig nur den deutsch-europäischen Weg bei der Transformation des Energiesystems. Ich glaube, die Entwicklung wird sehr viel heterogener ablaufen. Erdgas, insbesondere Fracking-Gas ist etwa in den USA bislang ein Teil der Energiewende. Wie weit US-Präsident Biden die Nutzung von Fracking-Gas durch eine schärfere Umweltregulierung begrenzt, muss sich erst zeigen. Die USA werden - wie so viele - vermutlich auf beides setzen: Erdgas und klimaneutrale Technologien. Die Nachfrage nach Erdgas wird auch in Asien steigen, womit sich der Handel weiter in diese Richtung verlagern wird.

ne: Das heißt, dort eröffnen sich gerade neue Gasmärkte?

Westphal: In gewissem Sinne ja. Dort ist zum Beispiel der Ausbau von Flüssiggas-Terminals weiter in vollem Gange. Und es gibt ein klares Bekenntnis dazu, Gas einzusetzen statt Kohle - eben eine Energiewende der asiatischen Art.

ne: Verspielt man in Asien gerade die Chance, schneller von konventionellen Energiequellen loszukommen als Europa und gleich auf Erneuerbare zu setzen?

Westphal: Ja und nein. Ich glaube, der Blickwinkel ist ein anderer. Es geht darum, die Energienachfrage zu befriedigen und ökonomisches Wachstum zu generieren. China setzt auf alle Lösungen, fossil, nuklear und erneuerbare Energien. Japan fokussiert sich auf Flüssiggas und Wasserstoff. Indien, Bangladesch und andere Länder Südostasiens sind mit Energiearmut konfrontiert. Erneuerbare Energien sind zwar inzwischen wettbewerbsfähig, aber nur, wenn günstige chinesische Technologie eingesetzt wird. Dagegen hat Indien wiederum geopolitische Vorbehalte. Meiner Beobachtung nach geht man in Asien sehr agnostisch an die Lösung der Energiefrage. Es geht dort nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

ne: Wie sieht das in Deutschland aus? Wie lange wird Erdgas als Brückentechnologie hierzulande noch benötigt?

Westphal: Im Moment beeinflussen in Deutschland und in der EU Zielszenarien sehr stark die Diskussion, man hat sich dementsprechend immer ambitioniertere Klimaziele gesetzt. Das ist auch richtig, um den politischen Druck aufrechtzuerhalten. Aber wir laufen zugleich Gefahr, die Rhetorik von der Energiesituation abzukoppeln. Es ist ja nicht so, dass die Fortschritte bei der Energiewende mit den Ambitionssprüngen mithalten würden.

ne: Woran machen Sie das fest?

Westphal: Nehmen Sie beispielsweise die Wärmeversorgung. Ungefähr 70 Prozent des Energieverbrauchs der privaten Haushalte fließen in Raumwärme. Davon werden rund 50 Prozent immer noch mit Erdgas gedeckt. In den letzten zehn Jahren haben wir im Wärmemarkt gerade mal rund 21 Prozent der Emissionen eingespart, in den nächsten zehn Jahren wollen wir jetzt um rund 40 Prozent reduzieren - das ist ein enormer Sprung. Natürlich gibt es technisch längst passende Lösungen, aber es braucht doch mehr, um die Einsparungen zu realisieren: etwa die entsprechenden Handwerker, höhere CO2-Preise und private Hausbesitzer, die das finanzieren. Deswegen sehe ich keine schnellen Lösungen.

ne: Wir hinken also unseren selbst gesteckten Erwartungen hinterher...

Westphal: Ja, und allem Anschein nach wird der Gasverbrauch so nicht schnell sinken. Ganz im Gegenteil. Über 2030 hinaus wird Erdgas im Energiemix wichtig bleiben.

ne: Angenommen Deutschland benötigt für seine Energiesicherheit Erdgas noch ein ganzes Weilchen - ist unser Versorgungsnetz dann ausreichend oder müssen wir es erweitern, zum Beispiel durch zusätzliche Pipelines oder Flüssiggas-Terminals?

Westphal: Deutschland ist gut in den EU-Gasmarkt eingebunden, der seinerseits diversifiziert ist. Wir haben darüber auch Zugang zu Flüssiggas-Terminals. Allerdings argumentieren Experten, dass uns eigene LNG-Terminals helfen könnten, Schiffsrouten von Diesel auf Flüssiggas umzustellen. Die neue Betankungsinfrastruktur ließe sich dann später auf Wasserstoff umkonfigurieren. Ob wir dazu tatsächlich eigene Terminals benötigen, bin ich mir aber nicht sicher.

ne: Brauchen wir also die neue russische Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 gar nicht?

Westphal: Für die Versorgungssicherheit nicht unbedingt. Aber wir brauchen Leitungskapazität, um Spitzennachfragen in den Wintermonaten decken zu können. Und die Pipeline eröffnet uns natürlich zusätzliche Optionen, sofern man den Leitungskorridor durch die Ukraine gleichzeitig beibehält.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Den ausführlichen Text lesen Sie in der Ausgabe 03/2021 von neue energie.


Kirsten Westphal

ist bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin für internationale Energiebeziehungen und globale Energiesicherheit zuständig. Die Politologin leitet unter anderem den Deutsch-Russischen Energiedialog und ist Mitglied des Nationalen Wasserstoffrats.

 

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