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COP 26

Lücken überall

Foto: Ewan Bootman / picture alliance / NurPhoto

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Eine Fahne wirbt am Veranstaltungsgelände für den UN-Klimagipfel in Glasgow.

Joachim Wille, 28.10.21
Der Klimagipfel in Glasgow soll erstmals überprüfen, ob das Paris-Abkommen etwas taugt. Die Aussichten auf echte Durchbrüche sind eher trübe.

Die „COP“ in Glasgow ist der Klimagipfel Nummer 26, er findet statt mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem ersten dieser UN-Treffen in Berlin. Große Erwartungen begleiten die Veranstaltung. Sie wird zeigen, ob das Pariser Abkommen von 2015 funktioniert, das der damalige französische Präsident Francois Hollande als „die schönste und friedlichste aller Revolutionen“ bezeichnete, nämlich „die Revolution für den Klimaschutz“. Die Staaten verpflichteten sich damals, die Erderwärmung im Korridor zwischen 1,5 und zwei Grad zu stoppen. Glasgow ist der erste Bilanz-Gipfel zu Paris.

Und kein Zweifel, die COP 26 wird viel Aufmerksamkeit erzeugen – angesichts der in den letzten Jahren auf allen Kontinenten sich zuspitzenden Klimakrise. Der Gipfel bringt zu Beginn am 1. und 2. November gleich ein Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs, die dadurch zeigen, wie wichtig ihnen das Thema ist. US-Präsident Joe Biden wird in Glasgow sprechen, auch Indiens Regierungschef Narendra Modi, die Chefs der globalen Einheizer Nummer zwei und drei. Allerdings: Fehlen wird wohl ausgerechnet der oberste Vertreter des mit Abstand größten Treibhausgas-Emittenten, Chinas Präsident Xi Jinping. Damit wächst die Gefahr, dass die „Revolution“ vertagt wird.

Die neueste offizielle Bilanz der Vereinten Nationen fällt ohnehin reichlich ernüchternd aus. Das UN-Umweltprogramm (Unep) hat in seinem aktuellen „Emissions Gap Report“ errechnet, dass mit den vorliegenden CO2-Reduktionsplänen der Regierungen weltweit allenfalls eine Begrenzung der Erderwärmung auf 2,7 Grad zu schaffen ist. Damit würde das 1,5-Grad-Limit weit verfehlt, und auch die absolute Obergrenze für eine noch tolerable Aufheizung der Atmosphäre von zwei Grad würde gerissen. Dabei sind sich die Klimaforscher einig, dass jedes Zehntelgrad zusätzlich, eine nur scheinbar geringe Zunahme, gravierende Konsequenzen hat, weil damit Extremwetterereignisse häufiger und heftiger werden und Kipppunkte im Klimasystem irreversibel ausgelöst werden könnten.

Ungenutzter Auschub um ein Jahr

In Paris, vor sechs Jahren, hatten die 196 Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention in dem Abkommen beschlossen, dass ihre nationalen Klimapläne, im Fachjargon NDCs genannt (Nationally Determined Contributions), alle fünf Jahre überprüft und angeschärft werden sollen. Denn schon damals war klar, dass die vorliegenden NDCs bei weitem nicht ausreichen würden, die 1,5 bis zwei Grad zu halten. Es lief damals auf einen Pfad von drei Grad oder mehr hinaus. Eigentlich sollte der Gipfel in Glasgow schon im letzten Jahr Bilanz ziehen. Doch wegen der Corona-Pandemie wurde er auf 2021 verschoben, die Gefahr der Ansteckung auf einem internationalen Event mit mehr als 20.000 Teilnehmern war zu groß. 

Der Unep-Report zeigt nun, dass die Regierungen auch die zusätzliche Zeit nicht genutzt haben, um substanziell näher an die 2015 einstimmig beschlossenen Ziele heranzukommen. Bis Ende September hatten 120 der 196 Länder neue Klimapläne mit Zeithorizont 2030 vorgelegt. Doch diese reduzieren zusammengenommen die bis dahin erwarteten Emissionen im Vergleich zu den früheren Verpflichtungen nur um 7,5 Prozent. Um das 1,5-Grad-Limit zu halten, wären aber laut Unep Emissionsminderungen um 55 Prozent nötig, für das Zwei-Grad-Ziel immerhin noch 30 Prozent.

In konkreten Zahlen: Für die 1,5 Grad müsste der jährliche Treibhausgas-Ausstoß um 28 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente (alle Gase mit Klimawirkung in CO2-Wirksamkeit umgerechnet) niedriger liegen, als in den bisherigen Verpflichtungen der Länder vorgesehen ist. Dazu müssten die derzeitigen Emissionen fast halbiert werden; aktuell werden global rund 60 Milliarden Tonnen pro Jahr ausgestoßen. Damit ist die Lücke zur Einhaltung des 1,5-Grad-Limits in den letzten Jahren kaum kleiner geworden. 2019 hatte Unep sie noch auf 32 Milliarden Tonnen kalkuliert.

Einige Regierungen verwässern ihre Ziele sogar

Die Analyse der UN-Organisation legt schonungslos offen, dass viele Regierungen den Ernst der Lage offenbar nicht erkannt haben oder aus anderen Gründen nicht ernsthaft umsteuern wollen. Knapp ein Fünftel der Staaten mit neuen Klimaplänen wollen die Emissionen im Vergleich zu den vorherigen NDCs nicht weiter reduzieren, darunter Australien und Indonesien. Die Schwellenländer Brasilien und Mexiko entschärfen ihre Ziele sogar. Immerhin haben einige Industrieländer wie die USA und die EU-Staaten ihre 2030-Ziele deutlich angehoben. Das reicht jedoch bei weitem nicht, um die Welt insgesamt in die richtige Spur zu bekommen, da die Emissionen in den Entwicklungsländern weiter wachsen.

Wichtiges Detail: Die Länder haben auch die Chance verpasst, den Corona-Einschnitt zum Startpunkt für eine klimafreundliche Entwicklung zu machen. Seit langem war der globale CO2-Ausstoß 2020 erstmals wieder gesunken, um immerhin sieben Prozent. Unep beklagt in dem Report, dass viele Staaten die milliardenschweren Corona-Konjunkturausgaben nicht genutzt hätten, um erneuerbare Energien und das CO2-Sparen voranzubringen.

Zweites großes Thema neben den NDCs ist in Glasgow die Klimafinanzierung. Die Industrieländer hatten den Entwicklungsstaaten bereits 2009 versprochen, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen, um Anpassung und saubere Energien voranzubringen – quasi, um ihre historische Schuld als alte CO2-Sünder abzutragen. Auch hier sieht die Bilanz leider nicht sehr rosig aus. Verlässliche Zahlen gibt es erst für 2019, da kamen rund 80 Milliarden zusammen. Kenner der Materie schätzen, dass die Vorgabe 2020 nicht eingehalten wurde, und auch für 2021 und 2022 sieht es mau aus.

Vertrauenskrise zwischen armen und reichen Ländern

Erst 2023 könnte die 100er-Marke erreicht werden, wie eine zu dem Thema angefertigte Bilanz der deutschen und der kanadischen Regierung zeigte. Glasgow-Gastgeber Großbritannien hatte den deutschen Umwelt-Staatsekretär Jochen Flasbarth und Kanadas Umweltminister Jonathan Wilkinson damit beauftragt, unter den Industrieländern für mehr Zusagen zu werben. Das allerdings ändert nichts daran, dass die Finanzierungsfrage zu einer veritablen Vertrauenskrise zwischen armen und reichen Ländern geführt hat – und auf der COP durchaus in harte Konflikte münden kann.

Unter dem Strich keine gute Ausgangslage für einen Durchbruch in Glasgow. UN-Generalsekretär Antonio Guterres versuchte trotzdem noch so etwas wie einen Silberstreif am Klimahorizont auszumachen. Den verantwortlichen Politikern attestierte er bei dem Thema eine „Führungslücke“. „Aber die Verantwortlichen können dies immer noch zu einem Wendepunkt hin zu einer grüneren Zukunft machen und nicht zu einem Kipppunkt hin zu einer Klimakatastrophe.“

 

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