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Globale CO2-Emissionen

Die Klima-Revolution schleppt sich hin

Foto: Ty ONeil/picture-alliance/Zuma Press

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Ein ausgetrocknetes Flussbett im US-Bundesstaat Nevada Anfang September. Hitzewellen werden durch den Klimawandel intensiver und häufiger.

Joachim Wille, 16.09.21
Wenige Wochen vor dem Klima-Gipfel in Glasgow zeigt eine Analyse des „Climate Action Tracker“: Die Welt ist noch lange nicht auf Kurs zum 1,5-Grad-Ziel. Vor allem in diesem Jahrzehnt müssten die CO2-Emissionen viel stärker sinken als geplant.

Der Paris-Vertrag von 2015 gilt als Meilenstein: Fast 200 Staaten verpflichteten sich damals auf einem UN-Klimagipfel dazu, die Treibhausgas-Emissionen so stark zu senken, dass die Erderwärmung am besten auf 1,5 Grad begrenzt wird, maximal aber auf zwei Grad. Frankreichs damaliger Präsident Francois Hollande rühmte, es sei „die schönste und friedlichste aller Revolutionen vollbracht worden, die Revolution für den Klimaschutz“. Doch eine neue Analyse zeigt: Die Regierungen der Welt lassen die Umsetzung der Revolution immer noch schleifen.

Vor dem nächsten Klimagipfel, der Ende Oktober in Glasgow beginnt, sollten alle Staaten verschärfte CO2-Reduktionsziele einreichen. Die 2015 aufgestellten nationalen Pläne reichten nämlich bei weitem nicht aus, um das Temperaturlimit einzuhalten. Sie brachten den Globus auf einen drei bis vier-Grad-Pfad – und damit in Richtung einer nicht mehr beherrschbaren Klimakrise. Höchste Zeit also, beim CO2-Ausstoß auf die Bremse zu treten. Doch eine aktuelle Auswertung der Initiative „Climate Action Tracker“ (CAT) zeigt: Auch mit den inzwischen vorliegenden neuen CO2-Zielen wird das 1,5-Grad-Limit gerissen.

Eine ganze Reihe Staaten, darunter große Treibhaus-Einheizer wie die USA und die EU, peilen Klimaneutralität bis 2050 an, und der mit Abstand größte Emittent China will das immerhin bis spätestens 2060 schaffen. Doch die Zwischenziele für 2030, auf die es aktuell ankommt, um den global weiter steigenden CO2-Ausstoß endlich herunterzubringen, sind zu schwach.

Deutschland und die EU unzureichend, Großbritannien steht besser da

Halten die Staaten ihre Ankündigungen ein, würden Ende des Jahrzehnts doppelt so viele Emissionen in die Atmosphäre ausgestoßen, wie für das 1,5-Grad-Limit verträglich sind. Konkret: Es würden 23 Milliarden Tonnen Treibhausgase (berechnet in CO2-Äquivalenten) pro Jahr zu viel emittiert. Im Vor-Corona-Jahr 2019 lag der Ausstoß bei 52 Milliarden Tonnen, 2020 ging er zurück, heute haben die Emissionen den alten Stand mindestens wieder erreicht.

Das CAT-Team analysiert die Klimapläne von 37 Staaten, die zusammen für 81 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind (siehe Grafik). Die Ziele großer Volkswirtschaften wie USA, Deutschland und Japan wurden als „unzureichend“ eingestuft, ebenso die EU als Block, während die Schwellenländer China und Indien sogar ein „höchst unzureichend“ bekamen. Zur schlechtesten Gruppe mit „bedenklich ungenügend“ zählen Russland und Saudi-Arabien. Alleine das afrikanische Gambia wurde als 1,5-Grad-konform eingestuft. Sieben Länder, darunter Großbritannien, kamen in die Kategorie „fast ausreichend“. Das bedeutet, sie könnten ein mit 1,5 Grad kompatibles Ziel mit moderaten Verbesserungen erreichen.

Grafik Climate Action Tracker

Von vollkommen ungenügend bis 1,5-Grad-kompatibel: Die Bewertung der aktuellen Klimapläne von 37 Ländern im Climate Action Tracker.

Immerhin hat die Mehrheit der Paris-Länder inzwischen neue Klimapläne – Kürzel NDC – eingereicht, freilich fehlen weiterhin die Aktualisierungen von rund 70 Staaten. Das ist umso misslicher, als neue NDC bereits zum Klimagipfel 2020 hätten vorliegen sollen, wie es der im Paris-Vertrag festgelegte Fünf-Jahres-Rhythmus verlangt. Der Gipfel wurde dann jedoch wegen der Corona-Pandemie auf dieses Jahr vertagt.

„Ein entscheidendes Jahr“

Das CAT-Team moniert, dass sich in letzter Zeit bei den Klimazusagen kaum noch etwas getan habe. „Seit unserer letzten Aktualisierung im Mai hat sich die Emissionslücke kaum verändert“, kommentierte Professor Niklas Höhne, der den CAT entwickelt hat. „Wir brauchen unbedingt mehr Regierungen, die sich engagieren und ihre NDCs erhöhen. Es gibt zu viele, vor allem unter den großen Emittenten und Industrieländern, die dies nicht getan haben.“ Der Klima-Tracker ist eine Initiative der beiden Institute Climate Analytics (Berlin) und New Climate Institute (Köln/Berlin).

Bisher bezog sich die CAT-Bewertung nur auf die von den Regierungen angegebenen CO2-Ziele. Da Klimaschutz aber „viel differenzierter als diese eine Kennzahl“ sei, sei man tiefer in die Materie eingetaucht, so Höhne. Für die aktuelle Bewertung werden auch die konkreten Maßnahmen zur Erreichung der Ziele, die Terminierung des Netto-Null-Ziels (falls vorhanden), die Verpflichtungen zur internationalen Klimafinanzierung sowie die jeweilige Landnutzungs- und Forstwirtschaftspolitik bewertet.

Auch ein am Donnerstag vorgelegter Report der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) bestätigt, dass die aktuellen Emissionstrends nicht mit den Paris-Zielen vereinbar sind. Die Corona-Lockdowns im letzten Jahr hätten nur für eine zeitweise Reduzierung des CO2-Ausstoßes gesorgt, heißt es darin. Das reiche nicht aus, um die Zunahme von Treibhausgasen in der Atmosphäre aufzuhalten. Die CO2-Reduktionsziele würden nicht erreicht und es werde immer wahrscheinlicher, dass das 1,5-Grad-Limit verfehlt werde. Die WMO ist eine Organisation der Vereinten Nationen.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres kommentierte, die WMO-Ergebnisse seien alarmierend und zeigten, wie weit man vom Kurs abgekommen sei. Der CO2-Ausstoß müsse direkt, rasch und umfassend reduziert werden. „Das ist ein entscheidendes Jahr für den Klimaschutz“, so Guterres.

 

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