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Interview der Woche

„Ausschreibungen machen bei Onshore-Wind keinen Sinn“

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 08.05.14
…sagt Frank Hummel, Geschäftsführer des international tätigen Windkraftentwicklers Sowitec Group. Im Interview der Woche berichtet er von seinen Erfahrungen mit Projekt-Ausschreibungen in Südamerika und erklärt, warum dort fast nur Großkonzerne zum Zug kommen. Hummel ist sich sicher: Mittelständische Unternehmen hätten kaum noch eine Chance, wenn die Große Koalition auch in Deutschland wie geplant auf Ausschreibungen setzt.

neue energie: Die Bundesregierung plant im Rahmen der EEG-Novelle auch die Einführung von Ausschreibungen. Wo haben Sie Erfahrung mit diesem Marktsteuerungs-Modell gemacht?

Frank Hummel: Wir sind in Lateinamerika aktiv, wo es in vier Ländern Ausschreibungsmodelle gibt, allerdings in jeweils unterschiedlicher Ausprägung. In Brasilien handelt es sich um eine Art Auktion oder Versteigerung von Energieproduktionsmengen. Darüber hinaus gibt es unterschiedlich gestaltete Ausschreibungen in Argentinien, Peru und Uruguay.

neue energie: Wenn man den schnellen Ausbau von Erneuerbaren als Zielsieht, dann sind die Resultate mit Ausschreibungen doch aber sehr uneinheitlich … 

Frank Hummel: Das ist richtig. Nicht immer funktionieren diese Ausschreibungen sofort wie gewünscht, da Projekte, die beim Bieten erfolgreich waren, dann doch nicht umgesetzt werden. Wo es inzwischen sehr gut funktioniert, ist in Brasilien. Dort wird entsprechend dem jeweiligen zukünftig erwarteten Wachstum des Energiebedarfs ausgeschrieben. Die Wachstumsprognose ist derzeit sehr hoch, was zu Ausschreibungsvolumina von  jährlich zwei bis drei Gigawatt führt. In Argentinien hat es wiederum nicht funktioniert, dort wurden vor vier Jahren 754 Megawatt versteigert, und bisher drehen sich erst zwei Windparks mit zusammen 130 Megawatt. Die Problematik liegt darin, dass eine Finanzierung der Projekte auf Basis der abgeschlossenen Stromlieferverträge derzeit kaum möglich ist. Die Banken sehen ein großes Risiko, dass aufgrund fehlender staatlicher Garantien Stromerlöse nicht bezahlt werden könnten.

neue energie: Können Sie die übergreifenden, positiven Aspekte der Ausschreibungsmodelle benennen?

Frank Hummel: Ausschreibungsmodelle führen grundsätzlich zu einem extremen Wettbewerb. Im Regelfall liegt die registrierte Leistung wie etwa  in Brasilien mit 30 Gigawatt beim zehn bis 15-Fachen des ausgeschriebenen Bedarfs von zwei bis drei Gigawatt. Das führt dazu, dass man extrem niedrige Preise bieten muss, um erfolgreich zu sein. Immer wieder sieht man Preise, die nicht mehr nachhaltig sein können, sodass manche Projekte am Ende gar nicht realisiert werden. Trotzdem kann man sagen, dass es in Brasilien gut funktioniert. Die Versteigerung dort läuft so ab, dass beginnend von einem vorab veröffentlichten Startpreis der Preis Schritt für Schritt soweit gesenkt wird, bis das verbleibende Angebot in etwa den Bedarf deckt. Dies führt dazu, dass normalerweise nur die besten Projekte und die aggressivsten Bieter erfolgreich sind. In Brasilien startete man bei der letzten Auktion etwa bei 42 Euro pro Megawattstunde und landete am Ende unter 40. Diese unvorstellbar niedrigen Preise für Windenergie führen dazu, dass keine andere Energieerzeugungsart in den Auktionen gegen Windenergie eine Chance hat, weder Wasserkraft noch Gaskraftwerke.

neue energie: Sie sagen selbst, dass Ausschreibungen zu sehr niedrigen Preisen führen, die die Kosten gerade noch so decken. Das lässt nur großen Marktakteuren eine Chance …

Frank Hummel: Wir haben selbst an Ausschreibungen teilgenommen, allerdings nur mit kleinen Projektvolumina. Große Projekte können wir ohne Partner nicht bei Ausschreibungen platzieren. Warum? Zur Teilnahme muss für jedes Projekt eine Bürgschaft gestellt werden. Zunächst braucht man einen Bid Bond, also einer Bietungsgarantie, in der Höhe von einem Prozent des Gesamtinvestitionsvolumens. Das geht noch einigermaßen, sind aber auch schon einstellige Millionenbeträge. Wenn man dann aber gewinnt, muss man mit Unterschrift des Stromliefervertrags einen Performance Bond bringen, und der beläuft sich auf fünf Prozent der Investition. Damit landet man bei üblicherweise großen Projekten von 100 bis 200 Megawatt im zweistelligen Millionenbereich. Das können nur die großen Konzerne stemmen.

neue energie: Im Umkehrschluss – haben in diesen Regionen Bürgerwindprojekte überhaupt eine Chance?

Frank Hummel: Klare Antwort, ein solches Marktumfeld wie etwa in Deutschland, ist in Südamerika ausgeschlossen. Die Akteure sind fast ausschließlich große Infrastruktur- und Energieversorgungskonzerne. Nicht nur von nationaler, sondern auch internationaler Bedeutung, aus den USA oder Europa. Und es kommen zunehmend Finanzinvestoren in diesen Markt, die sich aus strategischen Gründen für einige Jahre in solchen Projekten engagieren wollen.

neue energie: Sollte man über Ausschreibungsmodelle demnach in Deutschland besser gar nicht nachdenken?

Frank Hummel: Aus meiner Sicht können Ausschreibungen in Bereichen Sinn machen, wo man wirklich sehr viel Geld einsetzen muss. Offshore-Wind also, dort sind die großen Akteure ja auch schon aktiv. Im Fall von Onshore-Wind, speziell in Deutschland, ist das für mich undenkbar. Mittelständische Projektentwickler oder Bürgergenossenschaften, diejenigen die unseren Markt sein Jahren prägen, hätten kaum eine Chance mehr, Windenergie-Projekte umzusetzen. Denn bei Ausschreibungen müssen natürlich auch Teilnahmehürden gesetzt werden, sodass eine spätere Umsetzung auch garantiert ist. Dies sind im Regelfall Garantien die vorgelegt werden müssen, als auch der Nachweis, dass Projekte bereits einen definierten Projektentwicklungsstand erreicht haben. Zudem würden natürlich die guten und großen Standorte bevorzugt, das Binnenland oder der Süden Deutschlands wären die großen Verlierer, eine wünschenswerte großflächige Verteilung der Windenergie in Deutschland würde damit unmöglich. Denkbar wären aus meiner Sicht Ausschreibungsmodelle noch im Photovoltaik-Freiflächenbereich, wenn es sich um Projektgrößen von über mit zehn Megawatt handelt.

neue energie: Denken Sie, die Bundesregierung will in Deutschland gezielt große Player bevorzugen?

Frank Hummel: Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum ein solch erfolgreiches Modell wie das EEG radikal geändert werden soll. Wahrscheinlich hat man sich noch nicht intensiv genug mit der Materie beschäftigt. Sobald man dies tut, wird man erkennen, dass Ausschreibungen bei Wind-Onshore keinen Sinn machen. Sie passen nicht in unsere Marktstruktur, die geprägt ist von vielen kleinen Projekten, entwickelt vor allem von zahlreichen kleineren Unternehmen oder Bürgergenossenschaften. Projektentwicklung wäre mit enorm großem Risiko verbunden, der Markt würde sich komplett in Richtung der großen Player verschieben. Ausschreibung heißt zudem nicht automatisch, dass insgesamt niedrigere Preise als beim EEG vorgegeben erreichbar sind. Die Preise bilden sich aus Angebot und Nachfrage. Sobald das Angebot an Projekten geringer wird als die ausgeschriebene Kapazität, ist mit höheren Preisen zu rechnen. Dies ist in Deutschland bei Wind-Onshore durchaus im Rahmen der Möglichkeit, da unter dem Ausschreibungsmodell sicherlich weniger Akteure bereit sein werden, das Risiko der Projektentwicklung einzugehen.

neue energie: Sie hatten am Anfang allerdings gesagt, dass der Preis stark gedrückt wird?

Frank Hummel: Es hängt davon ab, welches Volumen ausgeschrieben wird. In Brasilien hatten wir lange Jahre einen sehr geringen Bedarf an zusätzlicher Energie. Die Preise sind entsprechend stark gefallen, teilweise unter 35 Euro pro Megawattstunde. Im Rahmen der letzten beiden Auktionen war der Bedarf höher als das Angebot an Windenergie, viele haben nicht mitgeboten, da inzwischen in zahlreichen Regionen Netzanschlusskapazitäten fehlen oder viele Projektentwickler keinen kapitalstarken Partner gefunden haben. Ähnliches wird auch in Deutschland passieren. Die Preise können sich von Jahr zu Jahr deutlich ändern, es bleibt somit eine große Unsicherheit. Unterm Strich glaube ich nicht, dass die Energiewende damit günstiger wird.

 

Dieses Interview ist in einer kürzeren Fassung auch in der Print-Ausgabe 04/2014 von neue energie erschienen.

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