Ukraine-Konflikt

Nach einem halben Jahr fehlt das Erdgas

Grafik: EWI

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So würde ein russisches Erdgas-Boykott Europa treffen: Nach einem Monat ist nur Finnland betroffen, nach drei Monaten kommen Polen und Bulgarien dazu. Nach sechs Monaten fehlen auch in Deutschland bis zu 5 % der Versorgung, in Polen sind es zu diesem Zeitpunkt schon 25-50 %, in Finnland gar mehr als 50 %. Nach neun Monaten sind große Teile Europas stark betroffen, in Deutschland fehlen dann 10-25 %.

Tim Altegör, 09.09.14
Finnland und Polen trifft es zuerst, in Deutschland wird es nach fünf Monaten ernst: Das Energiewirtschaftliche Institut der Universität Köln hat nachgerechnet, wie schnell wir unter einem russischen Erdgas-Boykott leiden würden. Nach neun Monaten wäre demnach ein großer Teil der EU-Staaten in Not. Allerdings müsste der russische Gazprom-Konzern teuer dafür bezahlen.

Mit jedem Tag, an dem der Konflikt zwischen der Ukraine und den russischen Separatisten im Land weiter eskaliert, gewinnt auch die Abhängigkeit des Westens von russischem Erdgas an Brisanz. Können wir uns weitere Sanktionen überhaupt erlauben, wenn Russland mit Gegensanktionen im Energiesektor kontert? Forscher des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln haben nun per Computersimulation einmal nachgerechnet, wie lange Europas Staaten einen Zufuhrstopp derzeit verkraften würden.

Ergebnis: Besonders hart trifft es Finnland, dort gibt es bereits nach einem Monat ohne russisches Gas Engpässe, nach drei Monaten fehlen 25 bis 50 Prozent des benötigten Brennstoffs. Im Rest Europas sieht es mit Ausnahme Polens und Bulgariens zu diesem Zeitpunkt noch recht harmlos aus, das ändert sich jedoch nach einem halben Jahr. Jetzt ist auch beim größten Importeur Deutschland die kritische Grenze erreicht, ebenso wie in der Schweiz und Österreich. Nach neun Monaten leiden weite Teile Europas unter Gasmangel, nur Skandinavien mit Ausnahme Finnlands, die Benelux-Staaten, die britischen Inseln, Spanien und Portugal sind noch ausreichend versorgt. Erstere produzieren selbst große Mengen Gas, beziehungsweise beziehen es von den direkten Nachbarländern, letztere versorgen sich aus Nordafrika.

In Deutschland fehlen zu diesem Zeitpunkt fast zwölf Milliarden Kubikmeter. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 wurden hierzulande laut der Internationalen Energieagentur IEA insgesamt 88 Milliarden Kubikmeter verbraucht. Die Berechnungen der Kölner Wissenschaftler beziehen sich auf durchschnittliche Temperaturen, sie führen jedoch auch auf, was bei einer überdurchschnittlichen Kältephase im Februar droht. In diesem Fall bliebe kaum ein Land in Europa verschont.

Teure Alternativen, leere Speicher

Deutschland wäre von einem Embargo stark betroffen, sagte Studienleiter Harald Hecking, „trotz seiner großen Gasspeicherkapazitäten und seiner geographischen Nähe zu den großen Gasproduzenten Niederlande und Norwegen“. Denn diese hätten einen Großteil ihrer Produktion bereits langfristig verkauft. Über den verstärkten Import von Flüssigerdgas (LNG, liquefied natural gas) und die Nutzung der Gas-Reserven könne Deutschland zwar die ersten Monate meistern. Aber das ist teuer und leert die Speicher für den kommenden Winter. Mit mittelfristigen Schritten, um die Erdgas-Abhängigkeit zu reduzieren, befasst sich die Studie nicht – in den Augen vieler Experten wäre etwa dringend mehr Energieeffizienz nötig, die entsprechende EU-Richtlinie hat fast kein Mitgliedstaat fristgerecht umgesetzt. Ambitioniertere Energiesparmaßnahmen greifen jedoch kaum innerhalb weniger Monate im nötigen Umfang.

Allerdings bliebe ein Gasboykott auch für die russische Seite nicht ohne Folgen: Der mehrheitlich vom Staat kontrollierte Export-Monopolist Gazprom würde der Studie zufolge monatlich vier bis 4,5 Milliarden Euro weniger Einnahmen machen. Das entspräche einem Verlust von 3,5 Prozent des geschätzten Jahresumsatzes – Monat für Monat.

 

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