Kolumne

Wenn uns 20 Prozent Einsparung gelingen, haben wir Gas- und Atomstrom zusammen überflüssig gemacht

Foto: JRF

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Manfred Fischedick ist Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

Manfred Fischedick, 04.11.22
Den Fokus richtig setzen – besser mit aller Kraft Gas und Strom einsparen, als um den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke zu streiten.

Im Zuge der Auswirkungen des Angriffskriegs Russlands in der Ukraine ist Deutschland zum ersten Mal seit Jahrzehnten in Sorge vor einer echten physischen Energieknappheit im kommenden Winter und sieht sich Energiepreisen in nie dagewesenen Höhen gegenüber. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und die Europäische Kommission arbeiten mit Hochdruck an Lösungen in einem hochkomplexen Umfeld. Eine eigens von der Bundesregierung eingesetzte Gaskommission soll helfen, die Expertise von Wissenschaft und Praxis in eine zielorientierte Ausgestaltung kurz- und mittelfristig notwendiger Entlastungsmaßnahmen für private Verbraucher und Industrie einzubeziehen.

Über diese gerade für den sozialen Frieden extrem wichtigen Maßnahmen hinaus ist es aber auch entscheidend, an die Ursachen der Krise heranzugehen und jetzt die richtigen Leitplanken zu setzen, damit Risiken und Verletzlichkeiten reduziert werden können – und dies auf Dauer. Dazu gehören neben dem konsequenten und beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien vor allem die Energie- und Ressourceneffizienz sowie das intelligente Energiesparen. Daher ist es schade und eine verpasste Chance, dass die durch ein breites Bündnis von Sozialpartnern, Wirtschafts-, Umwelt- und Verbraucherschutzverbänden sowie kommunalen Spitzenverbänden und dem Wirtschafts- und Klimaschutzministerium getragene Kampagne von Juni dieses Jahres „80 Millionen gemeinsam für Energiewechsel“ sowie der gemeinsame Aufruf zum Energiesparen so wenig in der Öffentlichkeit stehen.

Die Debatte in Politik und Medien wird dagegen anhaltend von einem ganz anderen Thema beherrscht: Ob es sinnvoll ist, dass die drei verbliebenen Atomkraftwerke, deren Betrieb bislang laut Gesetz am 31.12.2022 endet bis April 2023 weiterlaufen sollen, wie es Bundeskanzler Olaf Scholz unlängst mithilfe seiner Richtlinienkompetenz angeordnet hat; oder ob die Laufzeit mit neuen Brennstäben vielleicht auch bis 2024 oder sogar darüber hinaus verlängert werden soll. Für die Lösung der Gaspreis- und Versorgungskrise würde das sehr wenig bringen. Schätzungen zufolge könnte nur etwa ein Prozent des heutigen deutschen Gasbedarfs hierdurch eingespart werden. Denn Gas wird im Bereich der Stromerzeugung maßgeblich in standortabhängigen Heizkraftwerken oder zur Abdeckung von Spitzenlasten sowie für die Bereitstellung von Regelenergie eingesetzt. Auch für den Strompreis wäre die Wirkung vermutlich eher gering, da Gaskraftwerke dann immer noch über weite Teile des Jahres infolge des Merit-Order-Prinzips strompreissetzend wirken.

EU-weit 15 Prozent weniger Gas

Wir sollten uns daher stärker darauf konzentrieren, Gas einzusparen und dies in ganz Europa. Die Europäische Union geht davon aus, dass der Gasverbrauch europaweit um mindestens 15 Prozent sinken muss, um sicher über den Winter kommen zu können. Für Deutschland nennt das Bundeswirtschaftsministerium ein Mindestmaß von 20 Prozent. Aktuellen Entwicklungen zufolge sind aufgrund der gestiegenen Preise erste Wirkungen auf der Nachfrageseite zu beobachten. So setzt die Industrie neben verbesserter Effizienz auf den Übergang von gas- zu öl- und kohlebetriebenen Anlagen (mit der Folge eines erhöhten CO2-Ausstoßes) sowie auf Produktionsverlagerungen ins Ausland. Auch bei den privaten Verbrauchern scheinen sich nach wenig Bewegungen im Sommer statistischen Berechnungen zufolge Einsparungen im Prozentpunktebereich abzuzeichnen. Das ist gut, um sicher durch den Winter zu kommen, aber noch viel zu wenig.

Zudem führen die Verwerfungen auf den Energiemärkten nicht nur zu der Notwendigkeit, Gas einzusparen, sondern es gilt auch, die Stromversorgung abzusichern. Die Lösung hier im Weiterbetrieb der drei noch laufenden Atomkraftwerke zu sehen, ist eine große Illusion. Ein Streckbetrieb, aber auch eine darüberhinausgehende Laufzeitverlängerung können nur sehr bedingt helfen, denn mehr als sechs Prozent der heutigen Stromnachfrage decken die drei noch in Betrieb befindlichen Anlagen nicht ab. Und ob sie dazu tatsächlich in der Lage sind und wann, ist zudem strittig. Denn klar ist, dass dafür nicht nur neue Brennelemente zu beschaffen sind, sondern auch noch einmal in Wartung und Ertüchtigung investiert werden muss, mit entsprechenden zeitlichen Stillständen.

Ohnehin könnten wir uns den kurzfristigen Weiterbetrieb und in jedem Fall eine darüber hinaus gehende Laufzeitverlängerung der drei Atomkraftwerke sparen – indem wir den Stromverbrauch durch Energieeffizienz und intelligentes Nutzungsverhalten senken. Dann müssten auch die Kohlekraftwerke, die jetzt als Reserve wieder aktiviert wurden, in deutlich geringerem Umfang zum Einsatz kommen. Wir müssen also auch hier die richtigen Prioritäten setzen und mit Nachdruck für Energieeffizienz werben. Die dazu in der Öffentlichkeit zu hörenden Stimmen sind nach wie vor viel zu leise.

Ähnlich wie bei der Wärme sind auch beim Stromverbrauch kurzfristig zehn bis 20 Prozent Einsparung möglich. Das entspricht ungefähr der bisherigen Stromerzeugung aus Erdgas und ist deutlich mehr als die sechs Prozent verbliebenen Atomstroms. Wenn uns 20 Prozent Einsparung gelingen, haben wir sogar Gas- und Atomstrom zusammen überflüssig gemacht. Wie das geht?

Im Haushalt zum Beispiel durch energiebewusstes Verhalten, aber auch durch die Anschaffung sparsamerer Hausgeräte. Besonders bei alten Kühl- und Gefrierschränken und oft genutzten Trocknern (deren Verwendung gerade im Sommer durch Trocknen an der Sonne ohnehin überflüssig gemacht werden kann) könnte sich sogar ein vorzeitiger Austausch lohnen. Es wäre Zeit für ein allgemeines Förderprogramm für effiziente Geräte. Geräte, die nicht benötigt werden, sollten ausgeschaltet werden, etwa über Nacht auch ein PC oder Laptop mit externem Bildschirm. Alle alten Glühbirnen und Halogenlampen sollten schleunigst gegen LED-Lampen ausgewechselt werden. Auch bei der elektrischen Warmwasserbereitung lässt sich optimieren: Längst gibt es Duschköpfe und Armaturen, die bei gleichem Komfort 50 Prozent und mehr Wasser und damit Energie sparen. Wo noch ungeregelte Durchlauferhitzer im Einsatz sind, macht der Austausch gegen elektronisch geregelte das Duschen komfortabler und sparsamer zugleich. Und wer alte, ungeregelte Heizungspumpen gegen moderne Hocheffizienzpumpen tauscht – wofür es Fördermittel gibt –, spart bis zu 90 Prozent Strom. Das allein kann zehn Prozent des Stromverbrauchs im Haushalt ausmachen.

Klimaanlagen runterregeln

Im Büro, im Handel, in Schulen und anderen Einrichtungen ist das Licht ein wesentlich größerer Stromverbraucher als im Haushalt. Es sollte in nicht genutzten Räumen oder bei ausreichend Tageslicht gelöscht werden, entweder manuell oder automatisch. Und auch an dieser Stelle sind LEDs die Beleuchtung der Zukunft. In vielen Gebäuden läuft zudem die Lüftung nachts und am Wochenende noch immer durch – das muss nicht sein. Wo es Klimaanlagen gibt, haben die Japaner nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima das „Cool Biz“ erfunden: Krawatte aus, Klimaanlage auf 26 oder 28 Grad statt auf 20 Grad einstellen. Das spart im Sommer Strom.

In der Industrie, wo 50 Prozent des Stroms verbraucht wird, können ebenfalls noch viele Anlagen intelligenter geregelt oder einfach abgeschaltet werden, wenn sie nicht benötigt werden. Das erfordert „nur“ ein wenig Aufmerksamkeit oder geringe Investitionen. Es sind oft nicht bloß die Produktionsmaschinen selbst, sondern vor allem Gebläse, Pumpen, Druckluft und Beleuchtungsanlagen, bei denen sich auf diese Weise einfach Strom einsparen lässt. Eigentlich müssten die meisten größeren Betriebe wissen, wo sie dabei fündig werden. Denn was kein kleiner oder mittlerer Betrieb ist, benötigt ein Energiemanagement oder alle vier Jahre eine Energieanalyse. Wer sich bisher von der EEG-Umlage befreien lassen wollte, musste der Behörde über die Umsetzung von Stromeffizienzmaßnahmen berichten. Für Investitionen gibt es zudem eine Bundesförderung.

All das geht nur gemeinsam – es müssen wirklich 80 Millionen zusammenarbeiten, und die Regierung muss es noch stärker unterstützen, mit gezielter Beratung und Förderung. Die „Energiewechsel“-Kampagne muss spätestens im Herbst deutlich an Fahrt gewinnen. Nicht nur Japan im Jahr 2011, sondern auch Kalifornien und Brasilien haben schon einmal gezeigt, dass mit gemeinsamer Kraftanstrengung in Versorgungskrisen zehn bis 20 Prozent Stromeinsparung gelingen kann. Auch wenn derartige Maßnahmen nicht direkt übertragbar sind, zeigen sie doch die Möglichkeit auf, Nutzerverhalten erfolgreich anzusprechen. Wir können das auch!


Gastbeiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Für den Inhalt sind die jeweiligen Autorinnen und Autoren verantwortlich.

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