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Erneuerbare Wärme

Klima in Gefahr

Jörg-Rainer Zimmermann, 05.09.14
Eine neue Studie des DLR-Forschers Joachim Nitsch nimmt die vernachlässigte Erneuerbaren-Wärme in den Blick – und warnt vor den Folgen der EEG-Novelle.

Eine Horrorvorstellung scheint über die Zukunftsvision zu siegen: Bis 2050 mindestens 80 Prozent weniger Treibhausgasemissionen gegenüber 1990, Erneuerbare als Hauptbestandteil der deutschen Energieversorgung, deutliche Senkung des Energieverbrauchs, drastisch erhöhte Energieeffizienz – das sind nicht die Forderungen von naiven Energiewende-Utopisten. 2011 hat die damalige Bundesregierung diese Punkte in ihrem „Energiekonzept für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung“ zu energiepolitischen Zielen erklärt.

Rund drei Jahre später scheint dies nur noch wenige Akteure zu interessieren: Die Große Koalition verschwendet offensichtlich keinen Gedanken an das einst von den Ex-Bundesministern Norbert Röttgen (CDU) und Rainer Brüderle (FDP) vorgelegte Konzept zur Klimarettung. Diesen Schluss jedenfalls legt eine neue Studie nahe, die der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) jüngst vorgestellt hat. Darin werden die Auswirkungen der aktuellen Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und die weiteren Vorstellungen der Großen Koalition zur zukünftigen Energiepolitik analysiert, unter besonderer Gewichtung eines bislang in der Diskussion weniger beachteten Bereichs – der erneuerbaren Wärme.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns dem Thema der aus erneuerbaren Energien gewonnenen Wärme viel stärker widmen müssen, wenn die Energiewende gelingen soll. Man muss dabei nur an den Gebäudebestand denken, der energetisch saniert und mit erneuerbar gewonnener Energie versorgt werden muss“, erklärt BEE-Präsident Fritz Brickwedde.

Die Zahlen belegen es: Im Wärmesektor werden – unter Berücksichtigung des für Wärmezwecke eingesetzten Stroms – rund 60 Prozent der Energie in Deutschland verbraucht und rund die Hälfte der CO2-Emissionen verursacht. Gleichzeitig stagniert der Ausbau: Der Wärmeanteil der Erneuerbaren liegt seit 2010 fast gleichbleibend bei rund zehn Prozent.

 

Studienautor Joachim Nitsch, ehemaliger Leiter der Abteilung „Systemanalyse und Technikbewertung“ am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR (neue energie01/2014), sieht bei dem Thema auch künftig kein Licht am Horizont – trotz der Ankündigung von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), im November eine Gebäude- und eine Effizienzstrategie im Kabinett beschließen zu lassen: „Wenn sich die in der aktuellen EEG-Novelle ausformulierten Pläne der Großen Koalition durchsetzen und die Effizienzpolitik nicht deutlich an Dynamik gewinnt, dann werden 2050 noch immer 65 Prozent der heute eingesetzten Menge fossiler Endenergie benötigt.

Folglich erreicht auch die Treibhausgasreduktion nur eine Höhe von 55 Prozent statt der aus Klimaschutzsicht erforderlichen 80 bis 95 Prozent.“ Nitsch, Hauptautor der über lange Jahre hinweg vom Bundesumweltministerium beauftragten so genannten Leitstu dien, hat für seine Berechnungen zwei Szenarien aufgestellt und verglichen. Das „Szenario 100-II“ bildet die Zielsetzungen von 2011 ab. Dort gelingt es, den Beitrag der fossilen Endenergie im Jahr 2050 auf nur noch knapp 25 Prozent des heutigen Wertes zu reduzieren. Das Szenario „GROKO-II“ greift die im neuen EEG vorgesehenen Zubauraten für Wind, Photovoltaik und Biomasse auf, beschreibt die Wechselwirkungen zwischen Biomasse und Erneuerbaren-Wärmeversorgung und berücksichtigt die Impulse zur Steigerung der Energieeffizienz in den Verbrauchssektoren – die derzeit jedoch kaum vorhanden sind.

„Setzen sich die Trends auch nach 2020 fort, bleibt die Energiewende auf der Strecke. Bis 2050 ist der Energieverbrauch mit 74 Prozent des heutigen Wertes nicht ausreichend gesunken. Und die Erneuerbaren werden mit 28 Prozent keinen nennenswerten Anteil am Primärenergieverbrauch erreichen, besonders wenn man sieht, dass 2013 der Anteil bei 11,5 Prozent lag.“ Die Auswirkungen der jüngsten EEG-Novelle werden jedoch nicht erst 2050 spürbar, hat Nitsch errechnet. Erfolgt keine energiepolitische Kehrtwende, wird das Emissionsreduktionsziel bis 2020 um rund 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid verfehlt. Damit werden statt des angestrebten CO2-Rückgangs um 40 Prozent gegenüber 1990 nur 29 Prozent erreicht. Zudem wird der im Rahmen des Nationalen Aktionsplans an die EU gemeldete Erneuerbaren-Anteil am Endenergieverbrauch von 18 Prozent im Jahr 2020 um zwei Prozent verpasst. Nitsch weist auch auf Effekte für die Importbilanz hin.

Würde am „Szenario 100-II“ festgehalten, könnten die Importe fossiler Energien von derzeit jährlich 8500 Petajoule – das sind 70 Prozent des nationalen Energieverbrauchs – auf 3200 Petajoule sinken. „Dagegen zeigt das Szenario GROKO-II, dass mit einer eingriffsarmen Energiepolitik und schlecht koordinierten Einzelaktivitäten die Defizite in allen Bereichen wachsen“, erklärt Nitsch, der stets betont, dass für das Gelingen der Transformation sämtliche Bereiche des Energiesystems berücksichtigt werden müssen. Gerade deshalb sei die besondere Härte, die die Biomasse im EEG trifft, verfehlt. Deren Zubau lag zeitweise bei einer elektrischen Jahresleistung von über 300 Megawatt (MW).

Die Zubaugrenze von 100 MW jährlich für alle Biomasseanlagen stellt nun eine erhebliche Einschränkung der bisherigen Ausbaudynamik dar. Aufgrund des Alters der bestehenden Biomasseanlagen müsse davon ausgegangen werden, so Nitsch, dass der vorgesehene Brutto-Korridor – sollte er nach 2020 aufrechterhalten werden – nicht ausreichen dürfte, um den Ersatzbedarf von Altanlagen zu decken. Der eigentliche Ausbau kommt damit zum Erliegen.

Da die im EEG geförderten Biomasseanlagen über die KraftWärme-Kopplung auch Nutzwärme bereitstellen, hat der restriktive Biomasse-Korridor des EEG zudem Rückwirkungen auf den zukünftigen Erneuerbaren-Beitrag in der Wärmeversorgung. Obwohl im Szenario GROKO-II Solarkollektoren ihren Beitrag innerhalb des nächsten Jahrzehnts nahezu verdoppeln und Umwelt- und Geothermiewärme noch stärker steigen, nimmt der Gesamtbetrag an erneuerbarer Wärme bis 2020 nur noch um sechs Prozent auf rund 140 Terawattstunden jährlich zu, um dann prak tisch zu stagnieren (siehe Grafik 5). Der Anteil der Erneuerbaren an der Wärmeversorgung verharrt auf niedrigem Niveau und steigt von rund zehn Prozent (2013) auf lediglich rund zwölf Prozent im Jahr 2030. Wobei es am Ende sämtliche Erneuerbaren trifft: Mittelfristig werde sich mit dem EEG 2014 der Zubau bei Ökostrom ganz allgemein abschwächen.

Damit wird nicht nur der Zielkorridor im Jahr 2035 (55 bis 60 Prozent) verpasst, auch langfristig wird ein Anteil von 60 Prozent nicht überschritten. Im Vergleich zur eigentlich erforderlichen Wachstumsdynamik (Szenario 100-II, Grafik 2) „fehlen“ 2020 bereits zehn Gigawatt (GW) Erneuerbaren-Leistung, in 2030 sind es 30 GW, 2050 werden es rund 75 GW sein. Die Horrorvorstellung, sämtliche Klimaschutz- und Erneuerbaren-Ziele könnten verfehlt werden, erscheint umso realistischer, da Nitsch in seiner Studie längst nicht vom Schlimmsten ausgegangen ist.

Im GROKO-Szenario wird angenommen, dass sich trotz schlechterer Vergütung bei Onshore-Windenergie die jährliche Bruttoinstallation auf zunächst rund 3150 Megawatt steigern lässt. Dieser Wert ist notwendig, um die im EEG festgelegte jährliche Nettoinstallation von 2500 Megawatt zu erreichen. Längerfristig muss er sich sogar bei 3500 MW im Jahr einpendeln.

„An dieser Stelle haben wir bewusst eine optimistische Annahme gewählt, obwohl es bei der Windenergie an Land nicht selbstverständlich ist, dass die Korridore künftig ausgeschöpft werden. Kommt es bei der Einführung von Ausschreibungen ab 2017 zu einem Einbruch, werden die genannten 3500 Megawatt nicht erreicht. Und die bisher gemachten Erfahrungen mit Ausschreibungsverfahren legen nahe, dass es zu einem Einbruch kommen wird“, so Nitsch.

Sein Fazit: „Schon in den letzten Jahren war erkennbar, dass die Ausbaudynamik in den Bereichen Effizienzsteigerung, Wärmeversorgung, KWK-Ausbau und Verkehr deutlich gesteigert und beim Erneuerbaren-Strom mindestens beibehalten werden muss, wenn das langfristige Klimaschutzziel verbindlich angestrebt wird. Die Große Koalition nimmt die Herausforderung eines Komplettumbaus aber nicht an. Die beibehaltene übergeordnete Zielsetzung zum Klimaschutz erhält dadurch ein deutlich geringeres Maß an Glaubwürdigkeit.“ Die Energiewende wird zum Opfer einer klimagefährdenden Wendepolitik.

Kommentare (2)

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  • 06.09.14 - 13:47, Friedrich Rothe

    Ihren Beitrag von Dr. Joachim Nitsch(den Dr. vermute ich hinter der ausgezeichneten Analyse) habe ich mit freudiger Zustimmung gelesen, danke!
    Obwohl ich eher die Auffassung von Professor Fett, früher Leiter des meteorologischen Instituts der FU Berlin, teile, dass CO2 keinen Einfluss auf unser Klima hat, bin ich ein großer Befürworter der Energieumwandlung aus Sonne und Wind. Vor dem Hintergrund, dass Herr Gabriel Germanist und Politikwissenschaftler ist, spreche ich ihm jegliche Kompetenz in Fragen der Energiebereitstellung der Zukunft ab. Bestes Beispiel ist die vom Autor vorgelegte Analyse zum so genannten EEG.
    Als ehemals im Braunkohlekraftwerk beschäftigter Elektroingenieur arbeite ich daran, dass die Stadt Görlitz sich am Beispiel von Herten auf Basis der bereits genügend im Umfeld vorhandenen Windräder zur autarken Wasserstoffstadt entwickelt. Die Chancen stehen nicht schlecht.
    Freundliche Grüße von Friedrich Rothe

  • 15.09.14 - 14:07, Jeffrey Michel

    Unabhängig davon, in welchem Ausmaß die Nutzung fossiler Brennstoffe für den Klimawandel verantwortlich ist, kann die CO2-bedingte Versauerung der Ozeane bereits als ausreichender Anlass zum beschleunigten Umstieg auf die erneuerbaren Energien gelten. Siehe hierzu: http://www.theeuropean.de/jeffrey-michel/8788-meeresschutz-entscheidend-fuer-das-weltklima

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