Interview

„Auch ohne Klimaplan wird jetzt investiert“

Interview: Andrzej Ancygier, 03.03.16
Der US-Energieexperte Amory Lovins hält die Transformation des amerikanischen Energiesystems für unaufhaltsam. Wer die Mehrheit im Kongress stellt, sei dafür nebensächlich.

neue energie: Im Vorfeld des Pariser Klimaabkommens haben sich US-Vertreter mit anderen Regierungen getroffen, es gab gemeinsame Erklärungen mit verschiedenen Staatsoberhäuptern. Wie groß ist der Beitrag der USA zum Erfolg der Verhandlungen?

Amory Lovins: Die chinesisch-amerikanische Zusammenarbeit im Bereich der Klimapolitik war wahrscheinlich das wichtigste Element der Klimadiplomatie vor dem Pariser Gipfel. Es war auch entscheidend in den verschiedenen Etappen der Verhandlungen von Paris. Brasiliens veränderte Haltung, die durch den Beitritt zur ‚Koalition der Ambitionierten‘ besiegelt wurde, war ebenfalls sehr wichtig. Das waren Ergebnisse einer Klimadiplomatie von Präsident Obama und Außenminister Kerry, die durch parallele Maßnahmen in den USA verstärkt wurden, wie zum Beispiel die Verabschiedung des ‚Clean Power Plans‘. Meiner Meinung nach wäre das Pariser Abkommen ohne diese Vorbereitungen nicht zustande gekommen. Natürlich spielten dabei auch die französische, deutsche und andere Vertretungen eine wichtige Rolle.

neue energie: Die Entscheidung des amerikanischen Obersten Gerichts, die Umsetzung von Obamas Klimaplan vorerst zu stoppen, hat über die Grenzen der USA hinaus große Enttäuschung hervorgerufen. Ist nun das Erreichen des Emissionsminderungsziels für 2025 in Gefahr?

Lovins: Wahrscheinlich nicht. Die Entscheidung mit fünf zu vier Stimmen kam unerwartet, weil das Oberste Gericht noch nie die Umsetzung einer Maßnahme vor einer entsprechenden Anhörung gestoppt hat. Deswegen war es ein Präzedenzfall. Einer der Richter, die für den Stopp gestimmt haben, Antonin Scalia, ist ein paar Tage später gestorben. Der von den Republikanern dominierte US-Senat muss jetzt über Scalias Nachfolger abstimmen. Die Republikaner haben schon angekündigt, dass sie jeden von Obama vorgeschlagenen Kandidaten blockieren werden. Sollte das Oberste Gericht also über die Rechtmäßigkeit des Clean Power Plans entscheiden müssen, ist im schlimmsten Fall ein Gleichstand von vier zu vier Stimmen zu erwarten. Damit wäre die Klage gescheitert. Sollte der US-Senat doch einem von Obama nominierten Nachfolger zustimmen, wäre eine Mehrheit von fünf zu vier für den Plan zu erwarten. Aber auch ohne Klimaplan wird jetzt schon in den Bundesstaaten in sauberere Energieträger und Energieeffizienz investiert. Das passiert hauptsächlich aufgrund von Marktmechanismen. Bestrebungen der Energieunternehmen und Regierungen in einigen Bundesstaaten, die Entwicklung der Solarenergie durch zusätzliche Steuern zu blockieren, können für die Republikaner negative politische Folgen haben, etwa in Nevada oder Florida. Die Unterstützung für Solarenergie in der Gesellschaft ist immens, unabhängig davon, ob jemand den Demokraten oder den Republikanern nahesteht. Auch wenn bei den letzten Wahlen die Klimawandelleugner eine Mehrheit gewonnen haben: Die Unterstützung für solche Meinungen schwindet schnell in der amerikanischen Gesellschaft.

neue energie: Die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten wetteifern darum, höhere Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien zu setzen. Aber wie viel können sie eigentlich erreichen, wenn sie keine Mehrheit im US-Kongress hinter sich haben?

Lovins: Eine kohärente Erneuerbaren-Politik auf Bundesebene wäre sehr hilfreich und wünschenswert. Aber auch ohne solch eine Politik sind die Vereinigten Staaten auf dem Entwicklungspfad, der schon 2011 in unserer Studie ¸Reinventing Fire´ dargestellt wurde. Dort haben wir beschrieben, wie man zwischen 2010 und 2050 die Energieeffizienz um den Faktor drei steigern und den Anteil erneuerbarer Energien verfünffachen kann. Und das trotz einer Wirtschaft, die 2,6-mal größer ist als heute und ohne Erdöl, Kohle und Atomenergie auskommt. Dabei soll der Anteil von Erdgas nur ein Drittel des jetzigen Verbrauchs betragen und die CO2-Emissionen sollen um 82 bis 86 Prozent sinken. Das würde auch Einsparungen in Höhe von circa fünf Billionen Dollar bringen. Um das zu erreichen, brauchen wir keine zusätzliche nationale Gesetzgebung, sondern lediglich marktgetriebene Entscheidungen der Unternehmen und administrative Maßnahmen auf Ebene des Bundes und der einzelnen Bundesstaaten. Aus verschiedenen Gründen werden viele Bundesstaaten, Städte, Kommunen, Vereine und vor allem private Unternehmen die amerikanische Energiewende fortsetzen, egal welche Partei den Kongress nach den Wahlen kontrolliert. Die überraschende Verlängerung der Steuerbegünstigungen für Wind- und Solarenergie zeigt, dass es für die Entwicklung erneuerbarer Energien – und vor allem für die daraus resultierenden Arbeitsplätze – eine parteiübergreifende Unterstützung gibt.

neue energie: Wie sieht also die Zukunft des amerikanischen Strommarkts aus?

Lovins: Die mehr als 100 Jahre alte Annahme der Industrie, dass der Stromverbrauch immer weiter steigen wird und durch immer größere Kraftwerke abgedeckt werden muss, gilt nicht mehr. Die Energieunternehmen sehen sich mit mindestens acht Herausforderungen konfrontiert: einer vielfachen Steigerung der Energieeffizienz, der höheren Wirtschaftlichkeit von Effizienzmaßnahmen als Folge einer ganzheitlichen Herangehensweise, sinkenden Kosten dezentraler erneuerbarer Energien, steigender Flexibilität anderer Energieträger, kosteneffizienten Stromspeichern, darunter auch Elektroautos, Änderungen in der Regulierung des Strommarkts, geänderten Präferenzen der Stromverbraucher und neuen, bahnbrechenden Geschäftsmodellen. Gleichzeitig bieten diese Herausforderungen riesige Chancen für agile Unternehmen. Sollten die traditionellen Energieunternehmen unfähig sein, schnell zu reagieren, könnten ihre Einnahmen in den 2020er Jahren um die Hälfte einbrechen.

neue energie: Und was ist mit der traditionell mächtigen Erdölindustrie?

Lovins: Der fallende Erdölpreis wird als großes Problem für diese Industrie gesehen. Die wichtigste Herausforderung ist aber die sinkende Nachfrage, weil immer neue, beeindruckende Methoden entwickelt werden, um entweder weniger Erdöl zu verbrauchen oder es ganz zu ersetzen. Diese neuen Technologien und Lösungen sind für die Industrie auch eine viel größere Herausforderung als die Klimapolitik. Die wichtigsten darunter sind deutlich effizientere Fahrzeuge und Lösungen, die es ermöglichen, ganz ohne Autos auszukommen. Erdöl wird eher wettbewerbsunfähig auch bei niedrigeren Preisen, als dass es bei hohen Preisen nicht mehr verfügbar wäre. Die Geschwindigkeit der Transformation kann viel größer sein, als es die Erdölunternehmen bewältigen können. Die Konsequenzen sind für sie tiefgreifend. Während sich die Welt auf eine kohlenstoffarme Zukunft ohne Erdöl vorbereitet, stehen der Erdöl- genauso wie der Kohleindustrie immer weniger Finanzmittel zur Verfügung. Das Kapital flieht, bevor es die Kunden tun. Die Kapitalmärkte sehen, dass die Transformation von neuen Akteuren und nicht von den etablierten Versorgern bestimmt wird. Unternehmen, die das nicht verstehen, werden scheitern. Diejenigen, die es begreifen, haben eine Chance.

Dieses Interview ist als Teil der USA-Titelgeschichte in der Ausgabe 03/2016 von neue energie erschienen.

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