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Hans-Josef Fell

Pionier zwischen Hammelburg und Peking

Tim Altegör, 31.10.13
Der energiepoltische Sprecher der Grünen, Hans-Josef Fell, hat das Erneuerbare-Energien-Gesetz entscheidend mitgeprägt. Nun verlässt er den Bundestag – seinen langjährigen Einsatz für die Erneuerbaren will er außerparlamentarisch weiterführen.

Fell packt ein: Auf dem Boden des beinahe leer geräumten Berliner Abgeordnetenbüros stehen vereinzelte Umzugskartons, die hellbraunen Regale sind bis auf wenige Aktenordner ausgeräumt. „Energie“ oder „Verteidigung“ steht darauf, Themen, die Hans-Josef Fell seit Jahren beschäftigen.

Bei der Wahl hat es nach vier Legislaturperioden nicht mehr gereicht, 8,4 Prozent waren für Platz 12 auf der Landesliste der bayerischen Grünen einfach zu wenig. Damit verlässt der letzte noch im Bundestag verbliebene Begründer des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) das Parlament und wendet sich neuen Aufgaben zu. Schon bald, soviel ist sicher, packt Fell wieder aus.

Leicht fällt ihm der Abschied nicht, zumal in einer Phase, in der die alten Energiekonzerne mit Kampagnen massiv den Wandel bekämpfen.  „Ich glaube nicht, dass andere, auch wenn sie mit dem Herzen an den erneuerbaren Energien hängen, ohne diese Basis aus Wissen und Erfahrung genauso optimal Einfluss nehmen können wie jemand, der von Anfang an dabei war.“

Was in der Hauptstadt enden sollte, begann in der Provinz. Im unterfränkischen Hammelburg sitzt Fell von 1990 bis 1998 im Stadtrat, zunächst als Mitglied der „Bürger für Umwelt“, ab 1992 dann als Grünen-Politiker. In dieser Zeit gelingt es ihm, ein ehrgeiziges Projekt durchzusetzen: die kostendeckende Vergütung für Solarstrom von Hammelburger Dächern.

„Wenn man es anpackt, dann kann man ganz schön viel bewegen.“

„Die Ursprungsidee stammte damals vom Solarenergie-Förderverein. Ich habe das sofort aufgegriffen und umgesetzt, gemeinsam mit den Leuten, die es in Aachen und Freising vorangetrieben haben.“ So wurde die 13.000-Einwohner-Stadt zu einem der Versuchslabore für das spätere EEG. Ab 1994 zahlten die Stadtwerke Hammelburg jedem Solaranlagenbesitzer eine feste Vergütung von anfangs zwei D-Mark pro Kilowattstunde, die auf 20 Jahre festgeschrieben war. Die Mehrkosten wurden auf alle Stromkunden umgelegt.

Das Grundprinzip war damals schon dasselbe wie heute: Die Vergütung muss gesichert und so hoch sein, dass sich Investitionen in die Anlagen lohnen und mit der Zeit die Kosten sinken.

Dass der Beschluss im Stadtrat zustande kam, ist auch einer Niederlage Fells zu verdanken. SPD, freie Wähler und Grüne waren dort seit 1990 in der Mehrheit. Er hatte einen Antrag durch die Fraktionen gebracht, dass versiegelte Flächen eine erhöhte Abwassergebühr zahlen müssen, um Schäden in der Wasserökologie zu kompensieren.

„In der Ratssitzung sind sie eingeknickt. Ich war so wütend, dass ich gesagt habe: Ich brauche überhaupt nichts mehr mit euch zu machen. Es sei denn, ihr tragt einen richtig guten Beschluss zur Solarstromvergütung mit. Und da haben sie dann gestanden.“

Der endgültige Durchbruch für die kostendeckende Vergütung war damit allerdings noch nicht geschafft. Was Fell nicht erwartet hatte: In den folgenden zwei Monaten bleibt die Förderung ungenutzt. Die nach wie vor hohen Baukosten für neue Solaranlagen schrecken weiterhin ab.

Also gründet er mit Gleichgesinnten eine Gesellschaft, die Kapital sammeln und investieren soll, laut Fell „der logische nächste Schritt“. Auch die Hammelburger Solarstromgesellschaft war Neuland, ab 2.000 D-Mark konnte man sich beteiligen. „Wir mussten alles neu erfinden, vom Gesellschaftsvertrag über den Dachmietvertrag bis hin zum Einspeisevertrag. Da muss man sich dann eben ein bisschen reinknien und diese Pionierarbeit leisten. Später wurde unser Gesellschaftsvertrag einhundertmal verkauft.“

Und dann war die Nachfrage da? Fell lacht. „Als ich meiner Frau erzählt habe, wir haben eine Energiegemeinschaft gegründet und müssen jetzt 200.000 D-Mark einsammeln, da hat sie nur gelacht und gesagt: Ihr spinnt. Ein halbes Jahr später war das Kapital zusammen.“ Und das, obwohl die Geldanlage durchaus riskant war.

Auf die Werbebriefe schrieb Fell wahrheitsgemäß, dass das Kapital verloren ist, wenn das bayerische Wirtschaftsministerium die Umlage nicht akzeptiert. Erst 1996, zwei Jahre nach Gründung der Solarstromgemeinschaft, gab der damalige Minister Otto Wiesheu auf politischen und juristischen Druck hin seine Einwände auf.

Fell ist immer noch enthusiastisch, wenn er von der Beteiligung der Bürger spricht: „Die wollten einfach Klimaschutz betreiben und raus aus der Atomenergie und sagten: Auch wenn es riskant ist, auch wenn ich mein Geld verlieren kann, ich will dieses Projekt unterstützen.“ Ihn begeistern Überzeugungstäter, wie er selbst einer ist. Während alle darüber diskutieren, wie man die globale Erwärmung noch begrenzen kann, hat er ein Buch zur „Globalen Abkühlung“ geschrieben.

Mit Kompromissen gibt sich Fell beim Klimaschutz ungern zufrieden, auch im Privaten. Sein Haus aus den 1980ern ist ökologisch erbaut und wird komplett erneuerbar versorgt. „Mein Gott, was war unsere Solaranlage sündhaft teuer 1991. Und das als Einzelverdiener mit drei Kindern, während wir noch das Haus abbezahlen. Wir haben dann eben billige Urlaube gemacht. Die Anlage musste einfach sein. Ich wollte doch keinen Atomstrom!“, erinnert er sich lachend.

Mit dieser Gewissheit war er in den 70ern beim Physikstudium an der Universität Würzburg zwar nicht allein, aber doch in der Minderheit. Der Mainstream setzte damals auf Kernforschung. Als Fell bei einem führenden Strahlenexperten kritisch nachfragte, blieben die Antworten aus. „Da war mir klar: Der ist von der Atomwirtschaft gekauft und macht nur beschönigende Forschung.“

„An Energie mangelt es nicht, wir brauchen nur die Technik, um sie zu nutzen.“

Den Zugang zu den Erneuerbaren verschaffte sich Fell dann eigenhändig, las Veröffentlichungen von Vorreitern wie dem späteren Gründer des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme , Adolf Goetzberger, und tauschte sich mit Gleichgesinnten aus.

Als Lehrer für Physik und Sport ließ er seine Schüler Ende der 70er als Hausaufgabe den globalen Energiebedarf mit dem Potenzial der Sonnenenergie vergleichen, das sie zuvor selbst gemessen hatten. So errechneten die Schüler, dass die Sonne zehntausendmal mehr Energie liefert als die Menschheit benötigt. Wenn die Bosse großer Energiekonzerne noch zwanzig Jahre später behaupteten, erneuerbare Energien würden niemals ausreichen, ist das für Fell blanker Unsinn: „Die haben keine Ahnung von Physik.

Mir war klar: An Energie mangelt es nicht, wir brauchen nur die Technik, um sie zu nutzen.“ Auch im Sportunterricht begegnete Fell seinem Herzensthema. Kinder mit Krupphusten, die in der Nähe eines Kohlekraftwerks lebten, Joggingverbote bei erhöhten Ozonwerten – die gesundheitlichen Folgen von Schadstoffbelastungen sind allgegenwärtig.

Student in Würzburg, Lehrer in Schweinfurt, Stadtrat in Hammelburg: Beim Blick auf Fells Biografie fällt eine große Heimatverbundenheit ins Auge. Er bestätigt diesen Eindruck. „Ich liebe die Heimat, wenn ich Freiräume habe, gehe ich dort wandern, bin in der Natur, gehe Pilze sammeln, kenne jeden Baum und jeden Strauch, das will ich nicht missen.“

Sein Vater habe ihm als Bauernsohn die Augen geöffnet für die Natur der Rhön. Der langjährige CSU-Bürgermeister von Hammelburg machte seinem Sohn auch vor, wie politisches Engagement Ökologie befördern kann: „Die fränkische Saale, in der ich schwimmen gelernt habe, wurde immer dreckiger. Mein Vater hat dann die erste große biologische Kläranlage durchgesetzt, damals bester Stand der Technik.“

Es gab jedoch auch Konflikte: Dass sein Sohn die Kernkraft ablehnte, konnte Karl Fell nicht verstehen. Und während er als Bürgermeister des Bundeswehrstandorts Hammelburg ein enges Verhältnis zum dortigen Militär pflegte, war Hans-Josef Fell in der Friedensbewegung aktiv, verweigerte als Erster in ganz Unterfranken vor Gericht seinen Wehrdienst.

Später, als Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestags, unterstützt er die Peacekeeping-Ausbildung am Standort Hammelburg. Die Mentalität der Bundeswehr habe sich verändert, die Arbeit mit Rollenspielen zur Deeskalation sei beeindruckend. Es ärgert ihn, dass andere Fraktionsmitglieder ihre Feindbilder nicht ebenso überdenken wollten wie er.

In erster Linie widmet sich Fell aber auch im Bundestag den Erneuerbaren. Die kostendeckende Vergütung in Hammelburg hat ihn bekannt gemacht, plötzlich spricht er vor Stadtparlamenten in Frankfurt, Nürnberg und München. 1998 bekommt er dann als Neuling einen guten Platz auf der grünen Landesliste.

Nach der Wahl bastelt er mit seinen Mitarbeitern ein halbes Jahr an einem Gesetzesentwurf – dieses Mal für alle erneuerbaren Energien. „Ich hatte schon versucht, das ins Wahlprogramm und später in den Koalitionsvertrag aufzunehmen, aber immer Unverständnis geerntet. Dann habe ich es eben gemacht, ohne dass es im Koalitionsvertrag stand.“

Gemeinsam mit der energiepolitischen Sprecherin der Grünen, Michaele Hustedt, und den SPD-Abgeordneten Dietmar Schütz (neue energie 10/2013) und Hermann Scheer bringt Fell schließlich das Erneuerbare-Energien-Gesetz durchs Parlament. „Es war natürlich ein historischer Glücksfall, dass auch in der SPD jemand war, der genauso dafür brannte. Wir Grünen hätten die Sozialdemokraten  ja niemals so weit bringen können, das musste schon jemand aus der SPD selbst machen.

Als Wirtschaftsminister Werner Müller noch einen letzten Versuch gestartet hat, das Gesetz mit europarechtlichen Einwänden zu verhindern, hat Hermann Scheer das in seiner Fraktion abgewendet“, hebt Fell den Einsatz seines 2010 verstorbenen Mitstreiters hervor.

Einzig beim Vergütungssatz für Photovoltaikanlagen sei man sich zunächst nicht ganz einig gewesen. „Da musste ich die anderen erst überzeugen, dass unterhalb von 99 Pfennigen die Grenze der Wirtschaftlichkeit erreicht ist. Eigentlich hätten es sogar 1,20 D-Mark sein sollen, aber mit mehr als einer Mark habe ich mich nicht getraut, in die Debatte zu gehen.“

Zweifel am Erfolg der Gesetzesinitiative habe er nie gehabt. „Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Wenn man erst die Bedenken sucht, glaubt man am Ende noch selbst daran.“ Heute bezeichnet er das EEG, genauso wie die mittlerweile wieder abgeschaffte Steuerbefreiung für reine Biokraftstoffe, als „Sternstunde des Parlamentarismus“. „Dass im Bundestag meist nur noch Vorschläge aus der Regierung abgenickt werden, ist eine Verrottung der Sitten. Das ärgert mich schon, denn eigentlich ist das Parlament das Herz der Demokratie, nicht die Regierung“, beklagt der überzeugte Parlamentarier Fell.

Auch über die im Wahlkampf alles dominierende Debatte um steigende Strompreise kann sich Fell mit Verve aufregen. Keiner habe mehr den Klimaschutz im Blick, den es ohne erneuerbare Energien nicht geben könne. „Und wenn wir die volkswirtschaftliche Rechnung aufmachen, dann ist die Umstellung auf Erneuerbare viel günstiger als die Beibehaltung des Alten.

Aber wer davon redet, die angeblichen Mehrkosten gerechter verteilen zu wollen, der ist den Konzernen schon auf den Leim gegangen, ist in deren Rhetorik gefangen.“ Das gelte auch in seiner Partei. Gerade wenn die Erneuerbaren unter Beschuss sind, müssten sie ins Zentrum einer Grünen Agenda gerückt werden.

„Eine ökologische Partei muss das Ökologische in den Vordergrund stellen.“

Überhaupt findet der langjährige Vorzeige-Grüne hier kritische Worte, sieht einen inhaltlichen Stillstand. Seit dem Tod von Petra Kelly habe es in der Führungsspitze der Partei keine starken Umweltpolitiker mehr gegeben. „Eine ökologische Partei muss das Ökologische in den Vordergrund stellen, dafür wird sie gewählt. Und nicht für neue Steuerkonzepte. Wenn die Grünen stattdessen weiter mit der Sozialpolitik von Linken und SPD konkurrieren, gehen sie irgendwann in Richtung fünf Prozent.“

Seinen letztlich aussichtslosen Listenplatz 12, nach Platz 2 bei der letzten Wahl, will er damit aber nicht erklären. Das sei schlicht unprofessionell gewesen. Man habe sich von hervorragenden Umfrageergebnissen um die 20 Prozent blenden lassen und zu wenig auf sichere Positionen für verdiente Kräfte geachtet. Es klingt noch Enttäuschung durch, wenn Fell über das ungeplant plötzliche Ende seiner Abgeordnetenzeit spricht.

Was folgt also nun für den Mann, dessen Name im Bundestag zuletzt wie kein anderer mit den Erneuerbaren verbunden war? Fell kann oder will noch nichts Konkretes dazu sagen. Nur soviel: Er will sich weiter für sein großes Ziel 100 Prozent erneuerbare Energien einsetzen. „Durch die Kostensenkungen kann sich die Branche mehr und mehr von politischer Regulierung unabhängig machen. Sie muss sich zusammentun, die Stärken und Schwächen der einzelnen Erneuerbaren in Projekten verbinden und Synergien schaffen, sodass sie sich optimal ergänzen.“

Bisher kämpfe jeder für sich, aber nur zusammen sei man stark. Fell hat dabei weiterhin das große Ganze im Blick: „Eine Strategie voranzutreiben, die in den Mittelpunkt rückt, dass wir noch eine Chance haben diesen Planeten abzukühlen – das will ich organisieren helfen.“

Und dann sind da noch die unzähligen Zuschriften von Forschern und Entwicklern, die Fell über die Jahre bekommen hat. „80 Prozent davon sind nicht tauglich. Manche missachten auch schon einmal den Energieerhaltungssatz und wollen Energie aus Raumquanten erzeugen. Aber dann muss man den Blick haben für die Perlen, bei denen andere vielleicht auch sagen: Das taugt nichts.“

Mit einem Funkeln in den Augen berichtet Fell von Lichtlenkung über Solarmodule, neuen elektrochemischen Speichern und den Potenzialen der Biokohle. „Eine Erfahrung ist für mich ganz zentral: Etwa 95 Prozent der Menschen halten alles, was man für die Zukunft erdenken kann, für unrealistisch und für nicht machbar. Ich habe gelernt: Wenn man es anpackt, dann kann man ganz schön viel bewegen. Man muss es nur tun.“

Zurück ins Lehramt zu gehen kann er sich nicht vorstellen – und auch eine Anfrage, als Bürgermeisterkandidat in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, hat er bereits abgelehnt. „Da würde mir die Kraft fehlen, mal wieder nach Peking zu gehen und dort für die globale Energiewende zu kämpfen.“ Mehrmals im Jahr reist Fell um den Globus, stellt in Vorträgen das EEG vor, knüpft Netzwerke.

Nach seinen häufigsten Reisezielen gefragt, nennt er einen Großteil der Welt, von den USA, über Nord- und Südafrika, bis nach Russland, Japan und China. In vielen Ländern seien die Erneuerbaren auf dem Vormarsch, oftmals dank Einspeisevergütungen. „Es ist schon toll, wenn man sieht, was aus den Anfängen, die kaum jemand genau kennt, alles entsteht.“

Wenn Fell wieder auspackt, wird es wohl nicht in der Provinz sein. Viel eher schon in der Hauptstadt.

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