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Menschen der Energiewende

Der 1,5-Grad-Diplomat

Isaac Bah, 06.01.16
Am Zustandekommen des Pariser Klimaabkommens hatte Tony de Brum, Außenminister der Marshall-Inseln, großen Anteil. Nicht der einzige geschichtliche Fußabdruck, den der streitbare Atomwaffengegner nach fünf Jahrzehnten diplomatischen Schaffens hinterlassen wird.

Er hat die Gruppe der G77 gesprengt: Tony de Brum ist es gelungen, auf dem Pariser Klimagipfel COP 21 die Gruppe jener Länder zu spalten, die zu den ärmsten dieser Welt zählen, Eritrea oder Ghana etwa. Oder sich dazu erklären, wie Saudi-Arabien. Die Weigerung des Erdölexporteurs, dessen Bevölkerung zum Teil märchenhaft reich ist und zum anderen Teil sehr arm, sorgte für Entrüstung unter den Vertretern der tatsächlich hilfsbedürftigen Länder. Tony de Brum wusste dies zu nutzen – seit dem Pariser Klimagipfel COP 21 ist sein Name in der Weltöffentlichkeit ein Begriff. Der Außenminister der Marshall-Inseln, einer kleinen Inselgruppe im Westpazifik, hatte mit seinem Auftritt maßgeblichen Anteil daran, dass in Paris die Kluft zwischen Industrieländern und Entwicklungsstaaten überwunden werden konnte. Frühere Konferenzen wie die 2009 in Kopenhagen scheiterten an deren Differenzen.

Als Vermittler im Hintergrund vermochte es de Brum, eine „Koalition der hohen Ambitionen“ zu initiieren, der sich neben den 28 Mitgliedsländern der EU auch die AKP-Gruppe mit 79 Staaten aus Afrika, der Karibik und des Pazifis, die 48 ärmsten Länder der Welt sowie die USA, Mexiko, Kolumbien, Gambia und Norwegen anschlossen. Mit Bekanntgabe dieser blockübergreifenden Allianz, die eine deutliche Mehrheit der 195 Mitglieder der UN-Klimakonvention ausmacht und gemeinsam für ehrgeizigere Klimaziele plädiert, trat der Klimagipfel in seine entscheidende Phase. Die COP 21 konnte zum Erfolg werden.

Bis dahin hatte de Brum den Journalisten auf der Konferenz immer wieder in ihre Mikrofone diktiert: „Ich werde erst nach Hause fahren, wenn ich meinen Mitbürgern sagen kann ‚Uns bleibt die Chance aufs Überleben.“ Für die Bewohner der Marshall-Inseln bedeutet dies, dass die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius expliziter Teil des Abkommens werden musste. Gelingt dies in der Umsetzung des Abkommens nicht, droht der Inselgruppe, die im Schnitt zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt, der sprichwörtliche Untergang. 60 000 Menschen wären davon betroffen.

Keine Angst vor den Mächtigen dieser Welt

Den 1945 geborenen de Brum als volks- und heimatverbunden zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Als Kind erlebte er, wie die USA, die die Marshall-Inseln nach Ende des Zweiten Weltkriegs „treuhänderisch“ verwalteten, „seine“ Inseln als Testgebiet für atomare und thermonukleare Bomben missbrauchten. Unter anderem zündeten sie dort die „Castle Bravo“, eine Atombombe, die Schätzungen zufolge die tausendfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe entfaltete und einem Teil der Marshall-Inseln zu trauriger Berühmtheit verhalf, dem Bikini-Atoll – de Brum war damals neun Jahre alt.

Als junger Mann und nach Beendigung seines Studiums an der Universität von Hawaii setzt er sich für die Unabhängigkeit seines Landes von den Vereinigten Staaten ein. Als Chefunterhändler vertritt er dieses Anliegen über Jahrzehnte gegenüber den USA und vor den Vereinten Nationen. 1979 gelingt den Marshall-Inseln schließlich der Durchbruch und sie erhalten ihre Unabhängigkeit. Bis zum Erlangen der vollständigen Unabhängigkeit nach internationalem Recht sollen dennoch weitere elf Jahre vergehen. Erst 1990 endet offiziell der „Schutzauftrag“, der den USA die administrativen Rechte über das Treuhandgebiet Pazifische Inseln zusicherte.

Zu diesem Zeitpunkt geht es dem entschlossenen Marshallesen längst nicht mehr allein um die Anerkennung seiner Heimat als unabhängiger Staat. Immer noch unter dem Eindruck seiner Kindheitserinnerungen und nunmehr auch mit den sichtbaren und unsichtbaren Folgen der zerstörerischen US-Atombombentests für die mehr als 1000 Eilande der Marshall-Inseln konfrontiert, lenkt de Brum seine Energie auf ein weiteres Ziel – die Befreiung der Welt von Atomwaffen.

Konfrontationen mit den Mächtigen dieser Welt scheut er dabei nicht, die Waffe seiner Wahl ist die Diplomatie. Als diese an ihre Grenzen gerät, wechselt er die Strategie und reicht 2014 im Namen der Marshall-Inseln am internationalen Gerichtshof in Den Haag eine Klage gegen die neun Atomwaffenstaaten ein. Der Vorwurf: eklatante Verletzungen des Völkerrechts und Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag. Der Prozess geht demnächst in die zweite Instanz. Zu diesem Zeitpunkt blickt de Brum bereits auf eine lange Karriere als Finanz-, Gesundheits-, Umwelt- und Außenminister seines Landes zurück.

Der Klimawandel hat die Atomwaffen als größte Bedrohung abgelöst

Als Außenminister reiste er auch zu den Klimaverhandlungen in Paris. Das Verbot von Atomwaffen steht seit einiger Zeit an zweiter Stelle seiner diplomatischen Agenda, der Klimawandel ist für seine Heimat mittlerweile die akutere Bedrohung. Teile der Inselwelt sind schon heute nicht mehr bewohnbar und die Einschläge kommen näher. Bei einem Vortrag im Vorfeld des Klimagipfels berichtete er, dass ein Sturm kürzlich ein Boot bei ihm angeschwemmt habe – direkt neben seinem Wohnzimmer. Solche Erfahrungsberichte veranschaulichen eindrücklich, wie verwundbar die Atolle der Marshall-Inseln angesichts des steigenden Meeresspiegels sind.

Und sie berühren auch seine Kollegen auf dem diplomatischen Parkett. Am 2. Dezember verlässt de Brum für einen Tag die Verhandlungen in Paris, um in Genf stellvertretend für seine Nation eine Ehrung in Empfang zu nehmen. Die Laudatio hält Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Im Gespräch mit de Brum habe sie gespürt, welche Tragödie drohe und welche Verantwortung sie als Umweltministerin eines großen Industrielandes innehabe, sagt sie. „Die Welt steht an der Schwelle einer Katastrophe in Zeitlupe: dem Klimawandel.“

Ausgezeichnet wurden die Marshall-Inseln mit dem Right Livelihood Award, dem Alternativen Nobelpreis, „in Anerkennung ihrer Vision und ihres Mutes, mit rechtlichen Mitteln gegen die Atommächte vorzugehen, weil diese ihren Abrüstungsverpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag und dem Völkergewohnheitsrecht nicht nachkommen“ und in Anerkennung ihrer Bemühungen für mehr Klimaschutz. Die Verdienste von Tony de Brum wurden von den Wählern zuhause jedoch nicht gewürdigt. Anfang Dezember verlor er seinen Sitz im Parlament. In diesem Monat muss er sein Amt als Außenminister abgeben – bleibt zu hoffen, dass er seine Popularität in der Weltöffentlichkeit nutzt und seinen Kampf für den Klimaschutz fortführt.

Dieses Portrait stammt aus der Ausgabe 1/2016 von neue energie.

 

Kommentare (1)

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  • 08.01.16 - 17:17, Heinz Otto

    Liebe Freunde in der NE:
    hätte ich das gewusst, dass Ihr über Toni de Brum schreibt, hätte ich diese Links zum Thema seiner langjährigen Arbeit gesandt und ich bitte Euch um einen "Folgeinfokasten":
    Hier ist die nukleare Bedrohungssituation beschrieben:
    http://www.rmiembassyus.org/Nuclear%20Issues.htm
    aber auch zugesandt hätte ich Euch sein Engagement zur Reduzierung von Schiffsabgasen, welches er frühzeitig vor COP21 begonnen hat, siehe:
    http://www.climatechangenews.com/2015/04/22/marshall-islands-move-to-shake-up-shipping-on-emissions/
    Ein (CO2-Reduktions)-Antrag der RMI bei der IMO wurde im Mai 2015 bei einer MEPC-Sitzung nicht behandelt und auf die Zeit nach Paris zur Beschlusslage verschoben. Ein schroffes Verhalten, welches Toni de Brum in Paris nur noch dringlicher hat auftreten lassen.
    Meine Kontakte von Transportenvironment und IWSA schrieben mir: wir haben das Abstimmungsverhalten der deutschen Vertreter im MEPC nicht verstanden.
    Meine Deutung des Zusammengehens von Hendricks und de Brum ist die, dass Hendricks etwas gut machen wollte; Versäumtes im Umweltgeschehen nachholen, geht aber nicht.
    Obwohl mich die Bilder der beiden in Paris bannig berührt haben.
    Siehe:
    http://www.transportenvironment.org/news/imo-fends-marshall-islands-call-reduction-target
    Ich werde Euch als Belege 2 Mails zusenden, damit Ihr BELEGE habt und nichts aus der hohlen Hand schreiben müsst.
    Ansonsten: Danke für Eure Arbeit, nun auch Isaac Bah
    von
    Heinz Otto ( www.twitter.com/@windotto )

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