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Interview

„Wir werden ganz anders leben als bisher“

Foto: Roland Horn

Foto: Roland Horn

Interview: Astrid Dähn und Jörg-Rainer Zimmermann, 03.05.18
Ein Gespräch mit Barbara Hendricks über ihre Erfahrungen als Bundesumweltministerin, die Klimapläne der neuen Regierung und den gesellschaftlichen Wandel, der mit einem entschlossenen Kampf gegen die Erderwärmung einhergehen muss.

neue energie: Steigende CO2-Emissionen, keine Einigung im Diesel-Skandal, neue Diskussionen um Kohleausstieg und Verbot des Unkrautvernichters  Glyphosat – wie geht es Ihnen, wenn Sie die Debatten um Kernthemen Ihrer Amtszeit als Umweltministerin neu aufflammen sehen?
Barbara Hendricks: Ja, die Klimaziele für 2020 haben wir verfehlt. Aber der Koalitionsvertrag sagt, dass die Ziele für 2030 so rasch wie möglich umgesetzt werden sollen. Wirklich blinde Flecken haben wir immer noch im Verkehrssektor, und wir haben einen hohen Nachholbedarf im Bereich „Gebäude“, insbesondere im Bestand. Beim Glyphosat haben mich die jüngsten Äußerungen der neuen Landwirtschaftsministerin Klöckner schon erstaunt, um es mal vorsichtig zu sagen. Denn die Koalitionsvereinbarung schreibt eindeutig vor, die Nutzung so schnell als eben möglich grundsätzlich zu beenden – und nicht erst Alternativen zu erforschen.

ne: Wenn Sie Frau Klöckner so reden hören, würden Sie da nicht gerne weiter in der Diskussion mitmischen? Oder fällt es Ihnen leicht, sich zurückzulehnen und zu sagen ‚Lasst die anderen mal machen!‘?
Hendricks: Ich halte mich ganz bewusst heraus. Ich finde das besser so. Auch was meine politische Arbeit als Abgeordnete anbelangt, habe ich mich entschieden, künftig ganz andere Themen zu verfolgen. Ich arbeite jetzt im Auswärtigen Ausschuss, mit Spezialisierung auf auswärtige Kulturpolitik. Ich finde es besser, wenn man seinen Nachfolgern nicht irgendwelche öffentlichen Ratschläge erteilt.

ne: Wollten Sie Ihr Amt abgeben?
Hendricks: Nein, ich hätte durchaus noch weitergemacht, das habe ich auch deutlich gemacht. Ich habe meine Arbeit gerne gemacht. Insbesondere mein Landesverband Nordrhein-Westfalen vertrat aber die Vorstellung, dass Erneuerung auch vom Lebensalter abhängig sei.

ne: Ihre Nachfolgerin Svenja Schulze ist 16 Jahre jünger als Sie. Abgesehen davon wirkt die Erneuerung allerdings nicht besonders radikal: Frau Schulze ist ebenfalls eine SPD-Politikerin aus Nordrhein-Westfalen und hat – ähnlich wie Sie zu Beginn Ihrer Amtszeit – wenig Vorerfahrung in Umweltpolitik. Ist das Lebensalter so entscheidend?

Hendricks: Das müssen Sie nicht mich fragen. Das müssen Sie den Landesverband Nordrhein-Westfalen fragen.

ne: War es wirklich nur das Lebensalter? Oder ging es vielleicht auch um einen inhaltlichen Kurswechsel?

Hendricks: Das glaube ich eher nicht. Die Vorstellung, die manche mit meiner Nachfolgerin verbinden, im Sinne von: ‚Die wird das alles etwas lascher machen‘, die teile ich nicht.


"Ich hätte durchaus noch weitergemacht, das habe ich auch deutlich gemacht."


ne: Haben Sie Ihre Anliegen im Klima- und Umweltschutz vielleicht zu engagiert vertreten? Sie haben, so schien es, Ihre Spielräume innerhalb der Bundesregierung mitunter bis an die Grenze ausgereizt…

Hendricks: Ja, aber das ist doch die Aufgabe einer jeden verantwortlichen Politik: Ich muss versuchen, in dem Ressort, das ich vertrete, so weit wie möglich voranzukommen. Dass es dabei ein natürliches Spannungsverhältnis gibt zwischen den Interessen des Ressorts Umwelt auf der einen Seite und den Ressorts Wirtschaft, Verkehr oder Landwirtschaft auf der anderen Seite, ist klar. Da hatte ich mit Widerständen zu kämpfen. Aber das ist das normale politische Geschäft, damit muss man umgehen.

ne: Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie letztendlich durchgesetzt haben?

Hendricks: Ich bin insofern zufrieden, als ich annehme, dass man in diesen vier Jahren nicht mehr hätte bewirken können. Aber das heißt natürlich nicht, dass die Arbeit fertig ist.

ne: Was waren die wichtigsten Meilensteine, die Sie erreicht haben?

Hendricks: Ganz wichtig im Bereich der Klimaschutzpolitik waren das Pariser Abkommen und der Klimaschutzplan 2050. Darin haben wir für fünf Sektoren – nämlich Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft – erstmals konkret festgelegt, wie viele Millionen Tonnen CO2 sie bis 2030 einsparen müssen. Das heißt, die Vorarbeiten sind gemacht, und die Umsetzung erfolgt jetzt, in diesem und im nächsten Jahr. Damit bin ich sehr zufrieden. So konkret war Klimaschutzpolitik in Deutschland nie zuvor.

ne: Und über den Klimaschutz hinaus?

Hendricks: Stolz bin ich auch darauf, dass wir zusammen mit dem Deutschen Bundestag die Endlagersuche auf neue Füße gestellt haben. Jetzt ist endlich geklärt, auf welche Art und Weise die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven atomaren Müll vonstattengeht und bis wann das geschehen soll. Grundsätzlich bin ich jemand, der gern in langen Linien denkt. Wichtig ist mir deshalb zum Beispiel auch, dass wir ein nationales Hochwasserschutzprogramm in die Wege geleitet haben, das jedes Jahr mit 100 Millionen Euro dotiert ist. Es wird mindestens 20 Jahre lang laufen und den großen Flüssen in Deutschland insgesamt 20 000 Hektar mehr natürlichen Überflutungsraum verschaffen. Das beugt nicht nur vor der steigenden Überschwemmungsgefahr durch den Klimawandel vor, es ist auch unter ökologischen Gesichtspunkten von großer Bedeutung, etwa für den Erhalt der Artenvielfalt in Flussgebieten.

ne: Es wirkte so, also wären Sie in der zweiten Hälfte Ihrer Amtszeit mit zunehmender Vehemenz aufgetreten und intensiver gehört worden. Teilen Sie diesen Eindruck?

Hendricks: Ich weiß nicht, ob ich mit mehr Vehemenz aufgetreten bin. Aber es hat in der Tat eine Zeit gebraucht, bis die öffentliche Wahrnehmung meiner Person – über die engeren Kreise der Interessierten hinaus – gewachsen ist. In der zweiten Hälfte der Legislaturperiode habe ich mehr Aufmerksamkeit bekommen, das ist richtig. Das hat sicherlich auch mit dem Klimaschutzabkommen von Paris Ende 2015 zu tun.

ne: Haben die Verhandlungen rund um den Pariser Vertrag Sie in Ihrem Tun bestärkt?

Hendricks: Ja, vermutlich. Ich habe in diesem Zusammenhang zum ersten Mal Menschen aus den sogenannten Small Islands Developing States kennengelernt – kleine Inselstaaten im Südpazifik oder der Karibik mit weniger als einer Million Einwohnern, die heute schon vom Klimawandel in ihrer Existenz bedroht sind. Tony de Brum, der leider im vergangenen Jahr verstorbene Außenminister der Marshall Islands, hat mir im persönlichen Austausch sehr nahegebracht, was diese Gefährdung für sein Land und seine Mitbürgerinnen und Mitbürger bedeutet. Das hat mich schon geprägt.

ne: Was ist nicht so gut gelaufen während Ihrer Amtszeit? Wo hätten Sie weiter kommen wollen?

Hendricks: In der Landwirtschaftspolitik sind wir nicht weit genug vorangekommen. Es ging mir immer darum, der Landwirtschaft zu einer guten Zukunft zu verhelfen. Und ich glaube einfach, dass die Art und Weise, wie in weiten Teilen der hiesigen Agrarwelt gewirtschaftet wird, auf Dauer nicht zukunftsfähig ist. Nicht von allen, aber von einigen Landwirten bin ich dafür richtig angefeindet worden.

Barbara Hendricks interviewed by Astrid Dähn and Jörg-Rainer Zimmermann

Barbara Hendricks im Interview mit Astrid Dähn und Jörg-Rainer Zimmermann (Foto: Roland Horn)

ne: Was müsste sich denn verbessern?

Hendricks: Aus meiner Sicht ist zum Beispiel die Exportorientierung der deutschen Landwirtschaft keine wirklich vernünftige Strategie. Es hat keinen Sinn, so viel Fleisch im Überschuss zu produzieren. Das führt unter anderem dazu, dass zu viel Gülle auf den Äckern in Deutschland ausgebracht wird und die Nitratbelastung weiter steigt. Wir haben zwar in meiner Amtszeit eine neue Düngeverordnung auf den Weg gebracht. Die hilft ein bisschen, ist aber auf Dauer sicherlich noch nicht ausreichend. Der entscheidende Punkt ist meiner Meinung nach, dass wir in Deutschland neue Beschränkungen dafür festlegen müssten, wie viele Tiere pro Fläche Land gehalten werden dürfen. Dazu bräuchten wir eine neue Ausrichtung der Landwirtschaft. Doch das ist schwierig.

ne: Wie steht es um den Klimaschutz? Hat sich die Koalition da nicht viel zu schnell und zu einfach von dem Ziel für 2020 verabschiedet, unsere Treibhausgasemissionen um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren?

Hendricks: Also zu schnell und zu einfach eigentlich nicht, sondern eher umgekehrt: Man hätte sich vielleicht schon früher ehrlicher machen müssen. Ich habe ja immer darauf hingewiesen, dass es sehr schwer sein wird, die Vorgaben einzuhalten. Und ich habe einen entsprechenden Aktionsplan aufgelegt, der zumindest geholfen hat, noch ein paar Prozentpunkte einzusparen. Aber schon das war sehr schwer.

ne: Warum? Wer waren die Bremser?

Hendricks: Dass es nicht gereicht hat, hat zum einen objektive Gründe, die kaum beeinflussbar sind. Zum Beispiel konnte niemand vorhersehen, dass wir über Jahre hinweg ein beständiges Wirtschaftswachstum haben würden oder dass die Bevölkerungszahl steigt. Beides führt zu höheren Emissionen und beides können und wollen wir natürlich nicht ändern.

ne: Aber das waren sicher nicht die alleinigen Ursachen…

Hendricks: Nein, es wurden auch nicht in allen Bereichen genügend Anstrengungen unternommen, den CO2-Ausstoß zu senken. Der Verkehrssektor hat beispielsweise in den vergangenen vier Jahren gar nichts in diese Richtung getan. Das kann natürlich nicht so bleiben. Der Bundesregierung muss klar sein, dass die Klimaziele eine Aufgabe des gesamten Kabinetts sind und alle Ressorts dafür Verantwortung übernehmen müssen.

ne: Das Verkehrsministerium hat sich da komplett ausgeklinkt?

Hendricks: Ja, dieses Ministerium hat bislang überhaupt keine Initiativen ergriffen, um irgendwo den CO2-Ausstoß zurückzufahren – im Verkehr sind die Emissionen im Vergleich zu 1990 in den letzten Jahren sogar gestiegen.

ne: Wie sind Ihre Erfahrungen – kann die Umweltministerin in solchem Fall Druck auf den entsprechenden Ressortkollegen ausüben?

Hendricks: Nicht wirklich. Wenn die Bundesregierung in ihrer Gesamtheit, einschließlich der Kanzlerin mit ihrer Richtlinienkompetenz, nicht voranschreitet, dann kann die Umweltministerin das alleine nicht regeln.

ne: Hatten Sie das Gefühl, genügend Unterstützung von Frau Merkel zu bekommen?

Hendricks: Bei internationalen Fragen des Klimaschutzes hatte ich von Frau Merkel gute Unterstützung, inklusive der Finanzierung. Aber was den nationalen Bereich anbelangt, war das Kanzleramt nicht sehr hilfreich.

ne: Woran lag das?

Hendricks: Das kann ich nicht sagen. Das müssen Sie Frau Merkel fragen oder Herrn Altmaier, der als Kanzleramtsminister verantwortlich war.


"Der Bundesregierung muss klar sein, dass die Klimaziele eine Aufgabe des gesamten Kabinetts sind."


ne: Peter Altmaier hat als neuer Wirtschaftsminister jetzt das Thema Energiewende von Sigmar Gabriel übernommen. Glauben Sie, dass Sie mit Herrn Altmaier als Kooperationspartner mehr hätten erreichen können als mit Ihrem Parteikollegen Gabriel, die Ihnen doch mehrfach in die Parade gefahren ist, etwa beim Thema Kohleausstieg?

Hendricks: Das glaube ich eher nicht. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Als Wirtschaftsminister wird man die jeweiligen Themen immer etwas anders vertreten, als man das als Umweltminister tun würde. Das wird bei Herrn Altmaier nicht anders sein als bei Herrn Gabriel.

ne: Würde es der Sache dienen, wenn die Zuständigkeit für Klimaschutz und Energiewende nicht mehr über mehrere Ressorts verteilt wäre, sondern in einem ‚Energiewende-Ministerium‘ gebündelt würde, wie vielfach gefordert?

Hendricks: Ich halte das nicht zwingend für vorteilhaft. Ich finde es in Ordnung, dass das Wirtschaftsministerium seit der letzten Legislaturperiode für die Energiewende zuständig ist. Beim Klimaschutz ist das Umweltministerium federführend. Dass man sich als Umweltministerin natürlich auch mit Dingen auseinandersetzen muss, die für Wirtschaft, Landwirtschaft oder Verkehr relevant sind, liegt auf der Hand. Aber dass jeder Minister sein Ressort in eigener Verantwortung leitet, bedeutet dabei noch keine Zersplitterung. Wichtig ist am Ende die Bündelung der Ressorts im Hinblick auf ein gemeinsames Ziel. Es ist die Aufgabe der gesamten Bundesregierung, dieses Ziel dann auch tatsächlich umzusetzen, und zwar mit allen Kräften.

ne: Und hat die neue Regierung beim Klimaschutz tatsächlich ein gemeinsames Ziel?

Hendricks: Der Klimaschutzplan 2050 ist dadurch, dass wir ihn auf der Klimakonferenz in Marrakesch 2016 als unseren nationalen Beitrag zu den CO2-Sparmaßnahmen im Rahmen des Pariser Abkommens vorgelegt haben, völkerrechtlich bindend geworden. Daran muss sich die neue Regierung orientieren. Der Koalitionsvertrag besagt denn auch eindeutig, dass es spätestens im Jahr 2019 ein Klimaschutzgesetz oder ‚Artikelgesetz‘, wie die Union das lieber nennen möchte, geben wird. Dabei wird es darum gehen, bestehende Gesetze so zu ändern und anzupassen, dass sich die im Klimaschutzplan festgeschriebenen Sparvorgaben für die verschiedenen Sektoren erreichen und die Klimaziele für 2030 diesmal tatsächlich einhalten lassen. Es wird allerdings kritisch zu überprüfen sein, ob sich die Beteiligten wirklich an das halten, was verabredet ist.

ne: Im Koalitionsvertrag steht auch, dass eine Kommission gebildet wird, die bis Ende des Jahres Vorschläge zum Ausstieg aus der Kohle vorlegen soll. Weshalb nicht gleich die dreckigsten Meiler abschalten? Hätten Sie sich das anders gewünscht?

Hendricks: Nein, ich glaube, den Kohleausstieg werden wir so am besten hinbekommen. Die Kohleverstromung hat ja zwei Seiten. Auf der einen Seite gibt es die Steinkohleverbrennung. Da nutzen wir ohnehin Importkohle, hier hat der Ausstieg für Deutschland zwar auch ökonomische Folgen, etwa für manche Stadtwerke mit großen Kohlekraftwerken. Aber das ist nicht so gravierend wie bei der Braunkohle, die im rheinischen Revier und in der Lausitz gefördert wird. Diesen Regionen müssen wir neue Perspektiven eröffnen. In der Koalitionsvereinbarung steht – und das werte ich als einen Durchbruch –, dass für den Strukturwandel in den Braunkohleregionen in dieser Legislaturperiode 1,5 Milliarden Euro Bundesmittel zur Verfügung stehen. Der Bund hat damit anerkannt, dass er finanzielle Verantwortung für den anstehenden Wandel trägt.

ne: Ein rasches Ende der Kohleverstromung ist damit aber noch nicht in Sicht. Man hat den Eindruck, dass sich gerade die SPD schwertut mit dem Ausstieg. Die Kohlereviere sind schließlich traditionelle SPD-Hochburgen und die Partei hat immer wieder ihre Solidarität mit den ‚Kumpeln‘ bekundet. Sie selbst sind ja auch Mitglied der Bergbau-Gewerkschaft IG BCE, die sich lautstark für einen möglichst langen Erhalt der Kohleindustrie in Deutschland einsetzt…

Hendricks: Ich bin in der IG BCE, weil ich Mitglied einer Gewerkschaft sein wollte. Ursprünglich war ich bei Verdi. Aber als ich Schatzmeisterin der SPD wurde, bei den Tarifverhandlungen also eine Arbeitgeberfunktion hatte und damit zum Counterpart der Verdi-Vertreter wurde, bin ich zur IG BCE gewechselt, also gewissermaßen, um klare Verhältnisse zu schaffen, nicht um die Kohleindustrie zu unterstützen. Ich finde auch nicht, dass sich die SPD besonders schwertut mit dem Kohleausstieg. Wir sehen allerdings die Verantwortung für die betroffenen Regionen. Das rheinische Revier liegt im prosperierenden Städtedreieck zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen, da werden sich sicherlich neue Chancen bieten. Die Lausitz hat es dagegen schwer, weil sie ein Randgebiet ist. Dass man dort Sorge hat, unter die Räder zu kommen, kann ich sehr gut verstehen. Im Übrigen steht fest: Ohne den Kohleausstieg wird der Klimaschutz nicht funktionieren, aber die Energiewirtschaft kann die Dekarbonisierung auch nicht alleine leisten.

ne: Sondern?

Hendricks: Das ist ein gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozess und muss auch als ein solcher begriffen werden. Mobilität zum Beispiel muss völlig neu gedacht werden.

ne: Inwiefern?

Hendricks: Viel umfassender. Es geht beispielsweise nicht nur um neue Antriebe für Pkw oder Lkw, sondern um die gesamte Flotte, etwa auch um die Schifffahrt. In den Städten muss dem Individualverkehr Raum entzogen werden. Im Schnitt fährt ein privates Auto pro Tag nur eine Stunde lang, den Rest der Zeit steht es rum. Das zeigt: Wir sollten den individuellen Autoverkehr zunehmend durch andere Angebote ablösen: Wir müssen das Radfahren durch neue Radwege sicherer machen, den Takt des öffentlichen Nahverkehrs erhöhen und Carsharing-Angebote ausbauen – insbesondere im Verbund mit dem Ausbau der Elektromobilität. Dass die Autobranche das längst erkannt hat, zeigt sich daran, dass viele Carsharing-Anbieter Tochtergesellschaften von Autokonzernen sind.


"Natürlich brauchen wir den raschen Ausbau der Erneuerbaren."


ne: Wie schnell muss der Verbrennungsmotor abgeschafft werden?

Hendricks: Ich halte es für Quatsch festzulegen, dass Autos mit Verbrennungsmotor ab einem Tag X nicht mehr fahren dürfen. Aber allein schon aufgrund der sinkenden Nachfrage, insbesondere aus China, gehe ich davon aus, dass die Zahl der Neuzulassungen bei den Verbrennern zwischen 2025 und 2030 rapide sinken wird.

ne: Die Elektromobile, die dann vermehrt über die Straßen rollen sollen, brauchen aber grünen Strom, um CO2-arm zu fahren. Wo soll so viel Ökostrom herkommen? Müssten wir dafür nicht mehr Tempo bei der Energiewende machen, etwa den Ausbau der Erneuerbaren schneller vorantreiben?

Hendricks: Natürlich brauchen wir den raschen Ausbau der Erneuerbaren. Gerade bei der Solarenergie gibt es ja immer mehr vielversprechende Ansätze für eine individuelle Stromproduktion mit Solarpanels auf Hausdächern oder Folien an Wänden. Diese dezentrale Stromerzeugung gilt es politisch zu unterstützen. Beim Ausbau der Windenergie werden Offshore-Parks meiner Einschätzung nach zunehmend an Bedeutung gewinnen.

ne: Dazu müsste aber wiederum das Übertragungsnetz erweitert werden, um den Strom von der Küste in die Industriezentren im Süden zu transportieren. Beim Ausbau der Trassen hakt es jedoch seit Jahren. Glauben Sie, dass wir den Netzausbau rechtzeitig schaffen, um unsere Klimaschutzziele für 2030 einzuhalten?

Hendricks: Ich gehe davon aus. Alles andere wäre auch nicht im deutschen Interesse, weder ökologisch noch ökonomisch. Meiner Ansicht nach können wir uns weitere Verzögerungen nicht leisten, wenn wir auch künftig die Technologieführerschaft bei der Energiewende behalten wollen.

ne: Wie soll das funktionieren?

Hendricks: Sowohl Bund als auch Länder müssen den Netzausbau jetzt eben massiv vorantreiben. Und sie müssen auch die Bürger überzeugen, dass es ohne nicht geht. Es kann nicht sein, dass alle sagen: ‚Wir wollen erneuerbare Energien, aber Stromleitungen – überall, nur nicht bei mir.‘

ne: Voraussetzung dafür, dass es gelingt, die Bürger zu überzeugen, ist aber wohl, dass die Politik voll und ganz dahinter steht. Haben Sie den Eindruck, dass die Regierung eine so umfassende Systemtransformation in allen Sektoren, wie sie für den Kampf gegen den Klimawandel notwendig wäre, wirklich will?

Hendricks: Na ja, ich denke schon, dass der Kurs im Prinzip feststeht – auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt. Ich glaube allerdings nicht, dass alle Verantwortlichen in der Politik bereits begriffen haben, wie umfassend der bevorstehende Wandel sein wird. Ansonsten müssten sie nämlich zu den Bürgerinnen und Bürgern sagen: ‚Wenn wir die Bekämpfung des Klimawandels ernst meinen, dann werden wir in Mitteleuropa – und tendenziell auch weltweit – ab Mitte des Jahrhunderts ganz anders wirtschaften und leben als bisher.‘

ne: Was heißt das?

Hendricks: Vor uns liegen zwei weitreichende Transformationsprozesse, die parallel verlaufen: Das eine ist der Trend zur Digitalisierung und zum Einsatz von künstlicher Intelligenz, das andere die Bekämpfung des Klimawandels. Beide Entwicklungen werden einander beeinflussen und zu einem grundlegenden Strukturwandel führen, der über all unsere bisherigen Erfahrungen seit der ersten industriellen Revolution hinausgeht. Diese beiden Prozesse politisch zu steuern, das wird die große Herausforderung der nächsten Jahre sein.

ne: Meinen Sie, dass das klappen wird?

Hendricks: Die Voraussetzungen zumindest sind da. Sogar der Bundesverband der deutschen Industrie hat sich letztens zu einer konsequenten Bekämpfung des Klimawandels bekannt und in großem Umfang Gutachten zum einhergehenden Strukturwandel in Auftrag gegeben. Die nötige Geschwindigkeit ist zwar noch strittig, aber es gibt keinen Mainstream dagegen. Und aus meiner Sicht muss auch niemand Angst davor haben, solange wir den Wandel aktiv gestalten.

ne: Werden Sie sich noch an dieser Gestaltung beteiligen, oder haben Sie mit Klimaschutz und Nachhaltigkeit künftig wirklich gar nichts mehr zu tun?

Hendricks: Doch, ich werde mich im Bereich der auswärtigen Politik natürlich auch um Aspekte der internationalen Klima- und Ressourcenpolitik kümmern, aber nicht schwerpunktmäßig.

ne: Und nehmen Sie auch für Ihre private Lebensweise etwas aus Ihrer Amtszeit als Umweltministerin mit?

Hendricks: Ja, ich bin der Ansicht, dass jeder sich auch im privaten Umfeld überlegen sollte, was er zum Klimaschutz beitragen kann. Das muss keinen großen Verzicht bedeuten. Jeder kann sicher etwas finden, das ihm relativ leicht fällt und helfen könnte. Ich mache privat zum Beispiel keine Fernreisen. Irgendwo in Thailand am Stand liegen – das brauche ich nicht.


Barbara Hendricks
war von Dezember 2013 bis März dieses Jahres Bundesumweltministerin im Kabinett von Angela Merkel. Die promovierte Historikerin ist seit mehr als 40 Jahren in der SPD aktiv. Bevor sie an die Spitze des Umweltministeriums wechselte, war sie unter anderem Parlamentarische Staatssekretärin im Finanzministerium und Schatzmeisterin der Bundes-SPD. Sie stammt aus Kleve in Nordrhein-Westfalen, wo sie bis heute Bezirksvorsitzende ihrer Partei ist.

Dieses Interview ist zuerst in der Ausgabe 5/2018 von neue energie erschienen.

 

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