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Menschen der Energiewende

„Irgendwann brauchen wir keine Klimakonferenzen mehr“

Interview: Astrid Dähn, 07.01.15
Der Meteorologie-Professor Mojib Latif über die Chancen globaler Umweltabkommen, Deutschlands Rolle beim weltweiten Grenzwerte-Poker – und seinen Spaß am langsamen Autofahren.

neue energie: In Lima ist vor kurzem wieder einmal ein Verhandlungsmarathon zum globalen Klimaschutz zu Ende gegangen. Ist das Klima aus Expertensicht noch zu retten?

Mojib Latif: Ja, klar. Dazu müsste sich die Politik bloß mal auf irgendetwas einigen. Bis jetzt muss man leider konstatieren, dass es so gut wie keinen Klimaschutz gibt. Das lässt sich an einer Zahl festmachen: Der weltweite CO 2-Ausstoß ist seit 1990 um 60 Prozent gestiegen. Bis jetzt waren diese Verhandlungen also nicht gerade von Erfolg gekrönt.

neue energie: Hat die Lima-Konferenz nun einen Fortschritt gebracht?

Mojib Latif: Ganz und gar nicht. Das war auch nicht zu erwarten. Lima war ja nach offizieller Lesart nur eine Vorbereitungskonferenz für 2015 in Paris, wo das große neue Klimaabkommen unterzeichnet werden soll. Und ich bin mir auch sicher, dass es in Paris einen neuen Klimavertrag geben wird. Aber der wird vermutlich windelweich sein. Das Verfahren läuft nämlich so, dass sich alle Länder ihre Klima-Ziele selbst vorgeben dürfen. Deswegen wird der Vertrag zwar zustande kommen, jedoch mit Sicherheit nicht gewährleisten, dass man die globale Erwärmung auf höchstens zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit beschränken kann, wie von der Politik eigentlich angepeilt.

neue energie: Immerhin haben US-Präsident Barack Obama und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping kürzlich in einem gemeinsamen Auftritt neue Klimaziele für ihre Länder verkündet...

Mojib Latif: Naja, die Ziele selbst sind ziemlich halbherzig. Wichtig in diesem Zusammenhang ist: Beide haben sich dazu bekannt, dass es ein Klimaproblem gibt und dass man etwas tun muss. Das ist die Kernbotschaft. Hinter Obamas Angebot, knapp 30 Prozent des amerikanischen Kohlendioxid-Ausstoßes bis 2030 zu reduzieren, steckt allerdings ein kleiner Taschenspieler-Trick. Obama hat nämlich das Bezugsjahr geändert. Fast alle Staaten beziehen sich in solchen Fällen auf das Jahr 1990. Die EU beispielsweise hat gesagt, wir wollen mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Obama wählt dagegen das Jahr 2005 als Bezugsdatum. Nun hat Amerika von 1990 bis 2005 seinen Ausstoß aber massiv erhöht. Wenn das Land also jetzt wieder um 30 Prozent runtergeht, ist es am Ende nur wenig unter dem Wert von 1990. Das heißt, im Vergleich zu den Europäern bietet Obama fast gar nichts an.

neue energie: Und China?

Mojib Latif: Die Chinesen sagen, sie wollen bis 2030 ihren Ausstoß weiter steigern, dann vielleicht den Scheitelpunkt erreichen. Bedenkt man, dass China mit 27 Prozent Anteil am weltweiten CO 2-Ausstoß heute schon der größte Verursacher ist, dann ist das ein verheerendes Signal. Wenn es bei diesen Angeboten bleibt, werden wir bestimmt nicht unterhalb des Zwei-Grad-Limits bleiben können.

neue energie: Was würde passieren, wenn man das Ziel einfach aufgäbe und nichts oder wenig gegen die Erderwärmung täte?

Mojib Latif: Die Erwärmung von rund 0,8 Grad im weltweiten Durchschnitt, die wir in den letzten gut einhundert Jahren schon gemessen haben, würde sich weiter fortsetzen. Wenn die Anstiegsrate beim CO 2-Ausstoß gleich bleibt, könnte der Temperaturanstieg am Ende im Bereich von vier, fünf oder sogar sechs Grad liegen. Diese Zahlen sind sehr abstrakt. Was sie bedeuten, wird klarer, wenn man sie mit dem Temperaturunterschied zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit vergleicht: Der liegt in derselben Größenordnung, ungefähr bei fünf Grad. Wir würden also innerhalb von nur 100 Jahren einen wahnsinnigen Wandel hervorrufen, für den die Natur normalerweise viele zig Jahrtausende braucht. Die Landtemperaturen sind im Mittel seit Beginn der Messungen bereits um deutlich mehr als ein Grad gestiegen, der Meeresspiegel im Schnitt ungefähr um 20 Zentimeter. Die Ozeane reagieren träge, aber bis zum Ende des Jahrhunderts könnte ihr Spiegel durchaus um einen weiteren Meter steigen und anschließend über viele Jahrhunderte noch mehrere Meter nach oben gehen, selbst wenn wir dann kein CO2 mehr ausstoßen würden. Gleichzeitig würden Wetterextreme zunehmen, je nach Region Starkregen, Überschwemmungen, Dürreperioden oder Hitzewellen – alles Dinge, die wir uns sicherlich nicht wünschen.

Kommentare (3)

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  • 03.02.15 - 01:22, Markus Tewes

    Grundsätzlich ein stimmiger Artikel, der die wesentlichen Probleme auf den Punkt bringt. Etwas gespenstisch finde ich, dass außer mir hier niemand anderes kommentiert. Trotzdem mag ich das Engagement von Mojib Latif sehr. Und ich frage mich, wenn die Mehrheit der Deutschen den Klimaschutz und die Energiewende will und die Mehrheit der viel stärker betroffenen Menschen global das wollen müssten und sollten, warum es dann immer noch nicht befriedigend funktioniert. Ist es tatsächlich so, dass so genannte "Kapitalinteressen" dem entgegen stehen? Oder ist es einfach nur ein Problem, dass man sich zu wenig darüber verständigt? Ein wenig weiter geholfen hat mir Ortwin Renn mit seinem Buch "Das Risikoparadox. Warum wir uns vor dem Falschen fürchten." Darin erklärt er, was wir aber eigentlich alle wissen und ahnen: Wenn wir beim Klimaschutz als systemisches Risiko nicht alle an einem Strang ziehen, geht die Sache schief (wie auch Karen Duve in ihrem bemerkenswerten Aufschrei "Warum die Sache schiefgeht" beschreibt). Ich wünsche mir, dass viele diesen Artikel beispielhaft für viele andere Beiträge zum Thema (Herrmann Scheer, Matthias Willenbacher, Claudia Kempfert, Frank Farenski, etc. pp.) lesen und wirklich begreifen, worum es geht. Al Gore und Leonardo di Caprio mal dahingestellt, wir sind doch viele die das schon längst zu Ihrem Thema gemacht haben und wir sind trotzdem Menschen, die nicht immer 100% politically correct danach handeln. Aber egal, let's go: SAVE THE CLIMATE, SAVE THE WORLD OR BETTER SAVE THE SURVIVAL OF MANKIND! Wäre so eine Idee neben vielen anderen eine der wichtigeren!

    Markus Tewes

  • 08.02.15 - 09:34, Ilse Majer-Wehling

    es funktioniert deshalb nicht, weil die regierenden nicht die entsprechenden gesetze machen, die wirtschaft und bürgerschaft zwangsweise zu klimafreundlichem handeln verpflichten. unsere regierung hat z. b. schärfere abgasnormen für autos verhindert und auch in sachen des darnieder liegenden emissionshandels (ein an sich vernünftiges marktinstrument) nichts getan.

  • 09.02.15 - 14:23, Markus Tewes

    Vielen Dank für die Antwort, liebe(r) Unbekannte(r),

    Die Verhinderung schärferer Abgasnormen und der darniederliegende Emissionshandel sind sicher zwei von vielen Gründen, warum es nicht gut funktioniert. Bei Zwang durch Gesetze bin ich dennoch immer skeptisch. Vielleicht gibt es viele Menschen, die so etwas als eine Art "Leitlinie" brauchen. Schöner fände ich allerdings die freie im Sinne von freiwillige Einsicht in klimapolitische Notwendigkeiten auch ohne Gesetzesvorgaben. Es liegt ja an jedem selbst, sich kein Auto oder ein Auto mit vorbildlich niedrigen CO2-Werten anzuschaffen.
    Was den Emissionshandel betrifft, hier ein Interview von Peter Fox mit Sigmar Gabriel.

    http://www.geht-auch-anders.de/interview-mit-sigmar-gabriel/

    Das Problem hat Gabriel erkannt, schiebt den "Schwarzen Peter" aber auf Osteuropa und Südeuropa. Soweit, so schlecht.

    Nichtsdestotrotz denke ich, mehr Druck aus der Bevölkerung und Wissenschaft kann grundsätzlich einsichtigen Politikern helfen, Ihre Lippenbekenntnisse bezüglich Klimaschutz und Energiewende auch tatsächlich umzusetzen.

    Möglichkeiten gibt es zum Beispiel hier:

    https://secure.avaaz.org/de/lima_summit_100_clean_de/?slideshow

    und aktuell hier:

    https://secure.avaaz.org/de/10_months_to_save_the_world_nd_langs/?slideshow

    MfG

    Markus Tewes

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