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Interview

„Bei RWE haben wir die Energiewende am Anfang unterschätzt.“

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 07.07.17
… sagt Hans Bünting, im Vorstand der RWE-Tochter Innogy zuständig für den Bereich Erneuerbare Energien. In der ersten Offshore-Auktion hat das Unternehmen keinen Zuschlag bekommen. Nun setzt Bünting auf schneller verfügbare Anlagenklassen – und sinkende Herstellerpreise.

neue energie: Würden Sie der Aussage zustimmen, dass die deutsche Energiewende für RWE zu schnell gelaufen ist – und jetzt für Innogy nicht schnell genug vorankommt?

Hans Bünting: (lacht) Gute Frage. Ganz offensichtlich haben wir bei RWE die Energiewende am Anfang unterschätzt. Das Tempo, die Wucht, der politische Wille, mit der die Energiewende durchgesetzt worden ist, damit hat niemand gerechnet. Mittlerweile sind wir mit Innogy aber sehr weit. Es geht ja nicht nur um den Aufbau unseres Erneuerbaren-Bereichs. Das Rückgrat der Energiewende ist das Netz – und dort sind wir sehr gut aufgestellt. Bei Innogy dürften mit Abstand die meisten Erneuerbaren-Anlagen im deutschen Verteilnetz integriert sein, es sind mehr als 350 000.

ne: Ärgert Sie da nicht, dass der Ausbau des Übertragungsnetzes nicht vorankommt?

Bünting: Ich hätte natürlich gerne, dass das Übertragungsnetz schneller ausgebaut wird, wir betreiben ja einen Windpark in der deutschen Nordsee, bauen aktuell einen und planen weitere. Auch angesichts der Restriktionen aufgrund der Netzausbaugebiete im Norden für Onshore-Windanlagen würde ich mir wünschen, dass es schneller geht, ja.

ne: Um es genau zu verstehen – im Moment ist der Bereich Netz und Infrastruktur die Säule des Geschäfts. Dann kommt der Bereich Vertrieb, danach erneuerbare Energien. Korrekt?

Bünting: So würde ich es nicht ausdrücken. Netz und Infrastruktur ist bei uns gemessen am bereinigten Ebitda* das finanzielle Rückgrat. Aber wir haben mit 23 Millionen Strom- und Gaskunden auch ein starkes Vertriebsgeschäft. In fünf Märkten sind wir die Nummer Eins. Und in meinem Bereich Erneuerbare Energien, in dem wir global agieren, haben wir vielfältige Wachstumsoptionen.

ne: Welche Wachstumsziele haben Sie sich gesetzt?

Bünting: Wir setzten uns relativ kurzfristige Ziele. Unsere Investitionen planen wir jedes Jahr neu, für drei Jahre im Voraus. In den Jahren 2017 bis einschließlich 2019 wollen wir bis zu 1,7 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investieren. Dabei hängen wir aber von den Marktbedingungen ab. Wir sehen es gerade in Nordrhein-Westfalen – wenn die Regierung wechselt, ändern sich oftmals auch die Bedingungen. Und in Großbritannien merken wir natürlich, dass die konservative Regierung als Wahlversprechen ausgegeben hat, den Ausbau der OnshoreWindkraft deutlich zu begrenzen. Trotzdem müssen wir natürlich unsere Projekt-Pipeline aufbauen, müssen Optionen schaffen. Das ist vielleicht das Hauptgeschäft. Welche Optionen man dann einlösen kann, zeigt sich kurzfristig.

ne: In Deutschland weist der regulatorische Rahmen zur Systemtransformation noch immer Lücken auf, es fehlen Gesetze zum Klimaschutz und zur Gebäudeeffizienz. Inwieweit trifft das auch Innogy?

Bünting: Die Effizienz würde uns bei der Sektorkopplung helfen. Ein gutes Beispiel, dass der Wärmemarkt – und nebenbei bemerkt auch der Verkehrssektor – bislang nur eine untergeordnete Rolle bei der Energiewende spielen, ist die private Wärmeversorgung: 2015 gab es das höchste Wachstum bei Ölheizungsanlagen aufgrund des niedrigen Ölpreises. Das ist sicher nichts, was die Energiewende voranbringt. Da hätte man besser Wärmepumpen installiert, die mit Erneuerbaren-Strom betrieben werden. Eine andere Variante ist Power-to-Heat. Es kann nicht sein, dass nur der Stromsektor effizienter wird, das muss auch bei der Wärme und beim Verkehr geschehen. Das ist Aufgabe der Politik, die das Thema aber auch zunehmend aufgreift.

ne: Aktuell arbeiten bei Innogy 42 000 Menschen und es gibt Gerüchte, dass ein massiver Stellenabbau bevorstehen könnte. Allerdings verfügt Ihr Erneuerbaren-Bereich derzeit nur über rund 1300 Mitarbeiter. Benötigen Sie nicht mehr Personal für mehr Wachstum?

Bünting: Mit Belectric eingerechnet beschäftigen wir im Erneuerbaren-Bereich rund 1600 Mitarbeiter. Generell unterscheiden wir beim Personal zwei Kompetenzfelder. Projektentwicklung und technische Betriebsführung machen wir lokal, dezentral. An dieser Stelle stocken wir je nach Bedarf Personal auf. In den USA etwa haben wir jetzt zunächst ein Team mit einem Dutzend Leuten für die Entwicklung von Projekten zusammengestellt. Später, wenn wir die Projekte realisieren, kommt dann technisches Personal dazu. Auf der anderen Seite bündeln wir die Engineering-Kompetenzen zentral, im deutschen Windgeschäft beispielsweise in Hamburg und Hannover. Von dort aus bedienen wir alle Standorte. Zu Ihrer Frage nach der Entwicklung der Mitarbeiterzahlen bei Innogy: Wir betreiben permanent Effizienzsteigerungen. Für ein derartiges Stellenabbauprogramm sehen wir aktuell aber keine Notwendigkeit. UnsereMitarbeiterzahlen werden mittelfristig bestimmt vom Personalbedarf des Geschäfts.

ne: Sie haben gerade gemeinsam mit Enercon in den Niederlanden einen der größten Windparks Europas eingeweiht, zwölf der insgesamt 86 Anlagen des Projekts Noordoostpolder entfallen auf Innogy. Wo liegt Ihr Fokus, onshore oder offshore?

Bünting: Wir konzentrieren uns beim Ausbau vorrangig auf die Windkraft, und dies On- und Offshore in gleichem Maße. Wobei es bei Offshore jetzt darauf ankommt, ob wir in den Ausschreibungen erfolgreich sind. Onshore werden wir sicher immer einige Parks in Planung oder im Bau haben. Mit der Übernahme von Belectric engagieren wir uns zudem im Photovoltaik-Sektor. Bei der Wasserkraft fokussieren wir uns auf die technische und kommerzielle Optimierung des bestehenden Portfolios.

ne: Wie sehr hat Sie das Null-Cent-Gebot in der ersten deutschen Offshore-Auktion überrascht?

Bünting: Völlig überrascht hat uns das nicht. Wir wussten ja, unter welchen Annahmen man das machen kann. Was uns aber überrascht hat, war, dass es gleich zwei Anbieter gab, die solche Gebote abgegeben haben. Bei unserem Offshore-Projekt Kaskasi hatten wir zudem den Nachteil, dass der für die Fertigstellung maßgebliche Netzanschluss bereits 2020 erfolgt. Wir könnten zwar auch null Cent bieten, aber das wäre mit bestimmten Annahmen verbunden, die auch immer eine Wette auf die Zukunft sind: Es müssen größere, effizientere Turbinen verfügbar sein und der Strompreis an der Börse muss höher liegen als heute. Das ist den beiden erfolgreichen Bietern sehr bewusst. Deren Parks werden allerdings erst ab 2024 ans Netz angeschlossen. Und vier Jahre sind in der sich schnell entwickelnden Offshore-Industrie enorm.

ne: Sie hatten noch vor kurzem erklärt, dass Sie in absehbarer Zeit nicht mit Angebotspreisen unter sechs Cent rechnen …

Bünting: Die Realisierung der Parks, die einen Zuschlag erhalten haben, erfolgt erst in acht Jahren. Es geht um eine Wette auf eine neue Technologie in Verbindung mit dem Strompreis. Ob die Wette aufgeht, werden wir sehen. Bleibt der Strompreis bei rund 30 Euro je Megawattstunde, wird es schwierig.

ne: Mit welcher Entwicklung rechnen Sie denn beim Börsenstrompreis?

Bünting: Dazu gebe ich keine Prognose ab, zumindest keine langfristige.

ne: Weshalb?

Bünting: Wenn ich eine Glaskugel hätte, könnte ich die Frage beantworten. Bei der Projektplanung muss man betrachten, welche Erzeugungskosten man hat und wie man die über eine Laufzeit von 20 oder 25 Jahren wieder zurückverdient. Es geht also um Abwägen mehrerer Faktoren, nicht um genaue Prognosen. Man muss in Gesamtlogiken denken. Man muss sich fragen, was geschehen muss, damit ein bestimmtes Strompreisniveau eintritt oder nicht. Und ob man daran glaubt, dass das geschieht.

ne: Würde ein sehr schneller Ausstieg aus der Kohle – und generell aus konventioneller Stromproduktion – nicht dazu führen, dass der Börsenstrompreis steigt?

Bünting: Wie gesagt, Vorhersagen zum Strompreis sind schwierig. Selbst bei einem schnellen Kohleausstieg in Deutschland hätten wir europaweit immer noch ein Überangebot an Kraftwerkskapazitäten.

ne: Sie werden mit dem Kaskasi-Projekt in die zweite Auktions-Runde gehen. Wenn Sie sich noch vor kurzem nicht an den NullCent-Geboten der Konkurrenz orientiert haben, wie können Sie jetzt so schnell die Kostenseite optimieren?

Bünting: Es geht gemeinsam mit den Herstellern zum Beispiel darum zu prüfen, ob nicht vorgezogen andere Technologien verfügbar sein könnten. Die andere Möglichkeit ist, über die Kosten zu sprechen. Auch die Hersteller sehen sich ja vor dem Risiko, dass bei den Nordsee-Auktionen eine Lücke bei den Neuinstallationen entsteht – also dass man in eine Phase kommt, in der nichts gebaut wird. Ganz ähnlich wie im Onshore-Segment nach der letzten Auktion in Deutschland. Also stehen beide Seiten vor der Frage, wie man Projekte überhaupt ermöglicht. Zumal – sollten sämtliche Offshore-Projekte erst ab 2024 kommen – die Hersteller dann sehr schnell viele Turbinen eines neuen Typs liefern müssten. Es stellt sich da die Frage, ob das überhaupt möglich ist.

ne: Würden Sie sagen, der späte Netzanschluss bei einigen Offshore-Projekten hat zu einer Marktverzerrung geführt?

Bünting: Eindeutig ja. Man hätte festlegen können, dass in definierten Zeitabschnitten bestimmte Megawatt-Volumen ans Netz gehen. Das würde einen gleichmäßigen Ausbau ermöglichen, was im Interesse aller Akteure ist, der Hersteller, der Netzbetreiber, der Logistik-Branche ...

ne: Wie viel Geld verliert Innogy, wenn Sie auch in der zweiten Auktionsrunde für Kaskasi keinen Zuschlag bekommen sollten?

Bünting: Die Entwicklungskosten lagen im Vergleich zu anderen Offshore-Parks nicht so hoch, da wir in der Region mit Nordsee Ost schon einen anderen Windpark realisiert haben. Dadurch konnten wir Synergien auch bei der Planung nutzen und auf eine breite Datenbasis zurückgreifen. Am Ende geht es bei Kaskasi um einen einstelligen Millionenbetrag.

ne: Im Onshore-Bereich haben Sie einen Zuschlag für den Sommerland-Park in Schleswig-Holstein bekommen. Nehmen Sie an der zweiten Onshore-Auktion teil?

Bünting: Voraussichtich nicht, wir benötigen für unsere Projekte Genehmigungen. Und wann die vorliegen, können wir nicht beeinflussen. Wir hoffen jedoch, spätestens in der dritten Runde wieder dabei zu sein. Wir haben ja gezeigt, dass wir wettbewerbsfähig sind. Als einer der wenigen Energieversorger haben wir einen Zuschlag erhalten.

ne: Viele Erneuerbaren-Pioniere, darunter auch Vertreter der Bürgerenergie, sehen die Gefahr, von großen Konzernen aus dem Markt gedrängt zu werden. Besonders jetzt, angesichts der durch Auktionen verschärften Konkurrenzsituation. Können Sie das nachvollziehen?

Bünting: Ich denke nicht, dass man sich vor Innogy fürchten muss. Im Gegenteil, wir haben schon oft gerade auch mit kleineren Stadtwerken oder anderen kommunalen Partnern kooperiert und unterstützen bei der Umsetzung von Onshore-Projekten. Derzeit bauen wir in Eschweiler 13 Anlagen mit kommunalen Partnern und den größten Windpark in NRW, 21 Anlagen auf der Königshovener Höhe, haben wir gemeinsam mit der Stadt Bedburg (49 Prozent) errichtet. Die Einnahmen kommen nun jedes Jahr dem Bedburger Haushalt zugute. Wir haben auch bereits im Rahmen unserer Projekte Bürgeranlagen realisiert. In Jüchen konnten Bürger über eine Energiegenossenschaft Anteile zeichnen, in Sommerland haben wir eine Anlage für die Bürger entwickelt und an diese verkauft. Zudem sind aktuell viele Projektierer mit genehmigten Projekten in der ersten Auktion nicht zum Zug gekommen. An dieser Stelle können wir unterstützen und das Gebot optimieren. Oder das Projekt gegebenenfalls übernehmen.

ne: Was sollte die Politik am Design der Onshore-Auktionen ändern?

Bünting: Mir geht es grundsätzlich darum, dass die Ausbauvolumina nicht ausreichen werden um unsere nationalen Ausbauziele zu erreichen. Der Deckel müsste weg oder stark angehoben werden. Ein erster Schritt insbesondere auch im Sinne der Lieferanten wäre auf kurzfristig umsetzbare Projekte zu setzen.

 

 

* Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen
auf Sachanlagen und Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände

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