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Gastbeitrag

Gebäude als Keimzelle einer dezentralen Energiewende

Foto: Naturstrom

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Tim Meyer ist Vorstandsmitglied beim Ökoenergieversorger Naturstrom.

Tim Meyer, 09.11.21
Die Energiewende ist vor allem eine ländliche Stromwende. Um die Städte wie auch die Sektoren Wärme und Verkehr besser einzubinden, müssen wir die Potenziale vor Ort heben: in Wohnhäusern, Quartieren, Gewerbekomplexen. Das verhindert aktuell eine hyperkomplexe und zentralistisch gedachte Regulierung. Ein subsidiärer Regulierungsansatz hingegen überwindet veraltete Denkmuster und kann eine neue Dynamik für die Energiewende vor Ort entfachen.

24 Jahre noch, bis Deutschland gesetzlich verankert Klimaneutralität erreichen soll. 24 Jahre, in denen nicht nur die im Stromsektor schon ansehnlich vorangeschrittene Umstellung auf Erneuerbare noch deutlich beschleunigt werden muss, sondern in denen nach 30-jähriger Stagnation im Wärme- und Verkehrssektor ein grundlegender Wandel überhaupt in Gang gebracht werden muss. Das Instrument hierfür: Wir brauchen mehr Sektorenkopplung, um die dynamische Entwicklung bei der Ökostromerzeugung sektorenübergreifend für den Klimaschutz nutzbar zu machen.

Allerdings: Dort, wo der größte Energieverbrauch lokalisiert ist, wo regenerative Stromerzeugung direkt mit dem Verbrauch zusammenkommen kann und wo Elektrizität auf kurzem Weg für Wärme und Mobilitätsanwendungen verfügbar wäre, dort verhindert das bestehende Regelungsdickicht die Hebung dieser Potenziale: in unseren Gebäuden. Dass wir gerade hier in der dezentralen Energiewende seit Jahren mehr oder weniger auf der Stelle treten, liegt insbesondere am undurchdringlichen Dschungel aus Gesetzen und Verordnungen – sowohl aus dem Gebäudesektor als auch aus der Energiewirtschaft.

Egal ob Blockheizkraftwerk, Wärmepumpe, Speicher, Photovoltaikanlage oder was auch immer: Für jede einzelne Technologie ist en détail geregelt, wie sie eingesetzt werden soll, welchen Wert die jeweils produzierte Kilowattstunde hat und wie sie zu messen und abzurechnen ist. Im Grunde versucht die Regulierung bis heute, von oben herab das „Wie“ lokaler Energiesysteme vorzugeben.

Zugleich widersprechen sich die unzähligen Einzelanreize und Regelungen oft oder reißen erhebliche Interpretationsspielräume und damit rechtliche Risiken auf. Hingegen wird das eigentliche Ziel aber, eine Vor-Ort-Versorgung als Ganzes möglichst kostengünstig und klimaneutral zu sichern, nirgendwo formuliert oder gar angereizt. Dieses Ziel ist auf die hergebrachte Denkweise – gleichermaßen zentral wie kleinteilig – auch gar nicht erreichbar. Jedes Gebäude und jeder Kunde hat spezifische Anforderungen. Diese Vielfalt ist in der bisherigen Regulierungslogik nicht beherrschbar.

Unterschiedliche Regulierungsdimensionen im Strom- und Wärmesektor

Bisherige Hemmnisse resultieren auch aus der strukturellen Diskrepanz zwischen den gesetzlichen Regeln im Gebäude- und Wärmebereich auf der einen sowie dem Strombereich und der Energiedatenerfassung auf der anderen Seite. Während es für die Wärmeversorgung Alltagsgeschäft ist, mehrere Gebäude und verschiedene Technologien als System zu betrachten und sogar zu Nahwärmenetzen zusammenzuschließen beziehungsweise Vorgaben wie den Primärenergiefaktor über Gesamtkonzepte zu erfüllen, sind im Stromsektor solche Bündelungen und systemischen Ansätze nur in wenigen Sonderfällen wie dem solaren Mieterstrom und nur unter kostspieligen Auflagen zulässig und bleiben daher Nischenlösungen.

Grafik: Naturstrom

Das Kernproblem ist: Das öffentliche Stromnetz reicht regulatorisch bis zum Stromzähler jeder einzelnen Partei eines Mehrfamilienhauses oder Gewerbegebäudes. Eine gedankliche oder gar gesetzliche Zwischenebene wie ein Gebäude oder ein Quartier gibt es nicht. Dahinter steckt das aus der alten Energiewirtschaft tradierte Verständnis vom Stromnetz als der viel zitierten Kupferplatte, welche dem Handel mit Strom in ganz Deutschland keinerlei Beschränkung auferlegt. Anreize für einen lokalen Ausgleich von Strombedarf und Stromverbrauch finden in einer solchen Welt keinen Platz.

In einer Energiezukunft, in der Ökostrom, Wärme und Mobilität gekoppelt sind, macht der Fokus auf derart hochgerüstete Stromnetze jedoch keinen Sinn mehr: Zentrale Steuerungsrollen, wie sie die Netzbetreiber für sich in Anspruch nehmen, stoßen hier an ihre Grenzen, da lokale Flexibilitätspotenziale wie die Temperaturschichtung lokaler Pufferspeicher im Wärmesystem, Einsatzzeiten von Wärmepumpen oder das Laden von E-Autos gar nicht bekannt sein können.

Diese Informationen liegen vor Ort vor, bei den Nutzern und Betreiberinnen konkreter Gebäude und Energiesysteme. Diese lokalen Akteure könnten entlang realer Anforderungen und Möglichkeiten entscheiden und handeln – und damit viel besser und effizienter agieren als ein zentrales „Mastermind“. Das gilt von der Planung der Gebäude und der mit ihnen verschmolzenen Energiesysteme über deren Errichtung bis hin zum langjährigen Betrieb.

Subsidiäres Denken als individualisierte Ganzheitlichkeit

Wir brauchen also die Möglichkeit, räumlich klar umrissene kleine Teile unseres Energiesystems als in sich geschlossen und systemisch gedachte „Vor-Ort-Systeme“ zu betreiben, die sich gleichzeitig mit geringstmöglichen Friktionen in ein Gesamtsystem einbetten. Ein stärker subsidiär gedachtes Energiesystem mit Gebäuden oder Quartieren als Ankerpunkten kann genau das leisten: Den Betreibern dieser Einheiten vor Ort wird gleichzeitig mehr Freiheit wie auch mehr Verantwortung für eine klimafreundliche Energieversorgung ihrer Liegenschaften auferlegt.

Grundsatz ist: Was besser vor Ort entschieden und optimiert werden kann, wird vor Ort entschieden und optimiert. Und was besser in einer höheren Systemebene, zum Beispiel in den Netzen, entschieden und optimiert werden kann, wird dort administriert. An den Schnittstellen muss es dafür klare und auch harte Spielregeln geben, was die Rechte und Pflichten der Vor-Ort-Systeme angeht. Dazu gehören Vorgaben für die Systemstabilität und zur Prognose der eigenen Erzeugung und des Verbrauchs, eine kluge Struktur für Netzentgelte und -erlöse, Regeln für den Handel mit anderen Marktteilnehmern und anderes mehr.

In diesem klaren Rahmen wird dann nur noch das „Was“ eines Gesamtgebäudes und -systems vor Ort angereizt und reguliert. Das heißt, es gibt Vorgaben beispielsweise zu den maximal erlaubten CO2-Emissionen in einem Quartier sowie Standards für eine transparente und verbraucherfreundliche Messung und Abrechnung von Energiemengen. Das „Wie“, also über welche technischen Systeme und Betriebsweisen des Vor-Ort-Systems die Energie optimal bereitgestellt werden kann, wird den lokalen Akteuren überlassen. Für das Innere des Vor-Ort-Systems gibt es nur noch Minimalstandards, so beispielsweise für die Energieeffizienz.

Paradigmenwechsel bei der Regulierung

Eine solche Vor-Ort-Welt entsteht nicht von selbst, es braucht einen Paradigmenwechsel bei der Art und Weise, wie Energiewirtschaft reguliert und betrieben wird. Das subsidiäre Prinzip „von unten nach oben“ muss handlungsleitend sowohl für die Ausgestaltung des Rechtsrahmens als auch bei der praktischen Anwendung der Gesetzestexte werden.

Grafik: Naturstrom

Eine so vom Kopf auf die Füße gestellte Regulierung für Energiesysteme vor Ort ist in der Lage, den Markt von der heutigen Verstrickung im Regelungsdschungel zu befreien und neue unternehmerische Dynamik und Innovation zu entfachen. Markt und Wettbewerb würden sich weniger daran orientieren, hoch komplexe und oft widersprüchliche Regulierungsvorgaben zu erfüllen, sondern könnten Spielräume vor Ort nutzen, um neue Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Menschen und Unternehmen könnten endlich wieder dort die Energiewende voranbringen, wo sie verortet sind: in den eigenen Lebensräumen. Dieses Mehr an Teilhabe ist mitentscheidend dafür, die Akzeptanz für eine drastisch beschleunigte Energiewende als denkbar größte Infrastrukturmodernisierung aufrechtzuerhalten.

Einhergehend mit den neuen Freiheiten legt ein subsidiär gestaltetes Energiesystem den darin befindlichen Akteuren aber auch neue Pflichten auf. Vor-Ort-Versorgung meint eben nicht nur eine erneuerbare und sektorengekoppelte, sondern auch eine systemverantwortliche Energieversorgung. Jedes Gebäude, jede Gewerbeliegenschaft und jedes Quartier muss Teil eines stabilen, sicheren und kostengünstigen Gesamtsystems sein, die eigenen Flexibilitäten dürfen und sollen optimiert werden, aber nicht auf Kosten der anderen Systemteilnehmer.

Viele Aufgaben für die neue Bundesregierung – aber auch viele Möglichkeiten

Eine so grundlegende Änderung energiewirtschaftlicher Regulierung wird nicht über Nacht gelingen. Die Herausforderungen sind groß. Vom Strommarktdesign über die Beschleunigung der Digitalisierung in der Energiewirtschaft bis hin zur Suche und Sicherung der benötigten Fachkräfte. Aber sie bietet eben auch die große Möglichkeit, den energiewirtschaftlichen Rechtsrahmen endlich auf Erneuerbare und Klimaschutz auszurichten und so fit für das 21. Jahrhundert zu machen.

CO2-Preise müssen dabei das grundlegende Leitinstrument sein, um die grundsätzliche Klimaschädlichkeit der verwendeten Energieträger in den Kosten abzubilden – und das muss auch gegen kurzfristige Energiepreisdebatten durchgehalten werden. Auch die längst überfällige Netzentgeltreform muss den Preis als Steuerinstrument fokussieren: Anfallende Abgaben müssen im Grundgerüst einheitlicher, aber in der Aussteuerung variabler werden und so zur Stabilisierung und Steuerung des Systems beitragen können.

Für die weitere grundlegende Umgestaltung bieten sich „Mini-Reallabore“ an, in denen unterschiedliche Aspekte regulatorischer Innovation ausprobiert werden können. Vor-Ort-Perspektiven sollten auch in den Fokus von Forschungsprojekten rücken. Denn neben dem Umbau von Industrieprozessen als singulären, wenn auch emissionsintensiven Großstrukturen braucht es auch neue technische und regulatorische Hebel für die flächendeckend vorhandenen Gebäudesysteme.

Eine kommende Koalition unter Beteiligung von Grünen und Liberalen könnte sich den subsidiären Ansatz leicht zu eigen machen: Er schafft nicht nur mehr Freiheiten und fördert dadurch Innovation vor Ort. Er beschleunigt auch die Erneuerbaren-Nutzung und damit den Klimaschutz gerade in den bisher zu wenig adressierten Bereichen Wärme und Verkehr. Und von sinkenden Kosten und der stärkeren Einbindung vor Ort profitieren die Bewohner gerade im Geschosswohnbau unmittelbar. Auch mit dem SPD-Programm steht der subsidiäre Ansatz also im Einklang. So kann die Abkehr von einem zentralen Energiesystem und der Aufbruch in eine mittelständisch wie von Bürgerinnen und Bürgern getragene, klimaschonende und sozial ausgewogene Vor-Ort-Energieversorgung gelingen.


* Gastbeiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Für den Inhalt sind die jeweiligen Autoren verantwortlich.

Dieser Beitrag ist auch in Ausgabe 11/2021 von neue energie erschienen.

 

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