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Bücher

  • Murman Verlag GmbH
ISBN Nr.: 
978-3-8000-7649-9
Gernot Wagner, Martin L. Weitzman
,
Carl Ueberreuter Verlag

Klimaschock – Die extremen wirtschaftlichen Konsequenzen des Klimawandels

24,99 Euro

Angenommen, Sie hätten ein zehnprozentiges Risiko, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen. Oder Sie hätten ein ebenso hohes Risiko, großen finanziellen Schaden zu erleiden. Wahrscheinlich würden Sie alles daransetzen, eine solche Katastrophe abzuwenden. Richtig?

Warum unternehmen wir dann nicht viel mehr, um unseren Planeten vor dem Klimawandel zu schützen? Die Tatsachen, über die wir bereits Bescheid wissen, wie zum Beispiel der steigende Meeresspiegel, sind gefährlich genug. Aber viel schlimmer noch könnte sein, was wir nicht wissen – und auch gar nicht wissen können: was etwa das als kurzfristige Lösung des Klimaproblems angedachte Geo-Engineering, also die künstliche Beeinflussung des Klimas, tatsächlich anrichten könnte. Wollen wir uns dieses Risiko wirklich leisten?

Die Autoren zeigen, dass es nicht um die Wahl zwischen „Wirtschaftswachstum“ und „Klima“ geht. Es geht vielmehr darum, unser tägliches Handeln mit dem Klimaschutz in Einklang zu bringen und diesen ähnlich zu betrachten wie eine persönliche Versicherung: als eine Frage des Risikomanagements in einem globalen, für die gesamte Menschheit existenziellen Ausmaß.

Ausgezeichnet als Wissenschaftsbuch des Jahres 2017 in Österreich in der Kategorie Naturwissenschaft und Technik.

Ausgezeichnet als eines der 15 besten Wirtschaftsbücher 2015 durch die Financial Times.

 

Leseprobe aus dem Buch:

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Das Badewannenproblem

Stellen Sie sich die Atmosphäre als gigantische Badewanne vor: Es gibt den Hahn – Kohlenstoffemissionen von menschlichen Aktivitäten – und den Abfluss – die Fähigkeit des Planeten, den Kohlenstoff wieder aufzunehmen. Während großer Teile der Menschheitsgeschichte und während Hunderttausender Jahre davor waren Zufluss und Abfluss in relativer Balance.

Dann aber begann die Menschheit damit, Kohle en masse zu verbrennen, und drehte den Hahn gehörig auf, weit mehr, als es der Abfluss hätte ausbalancieren können. Der Kohlenstoffpegel in der Atmosphäre begann zu steigen – auf ein Niveau, das wir zuletzt im Pliozän gesehen haben, vor über drei Millionen Jahren.

Was ist da zu tun? Diese Frage stellte der MIT-Professor John Sterman zweihundert seiner Studenten und Studentinnen. Genauer genommen fragte er, was zu tun sei, um die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre auf heutigem Niveau zu stabilisieren. Wie weit müssten wir den Hahn zudrehen, um den Pegel nicht mehr zu erhöhen?

Hier ist, was man nicht tun sollte: Die Emissionen von Kohlenstoff in die Atmosphäre zu stabilisieren, stabilisiert allein noch nicht den Pegel. Sie fügen schließlich immer noch Kohlenstoff hinzu. Nur weil der Zufluss nun von Jahr zu Jahr stabil ist, heißt das noch nicht, dass der Wasserstand in der Badewanne nicht mehr steigt. Zu- und Abfluss müssen ausgeglichen sein, und das wird bei heutigem Stand der Dinge (bei 400 ppm) nicht passieren, ohne dass der Zufluss radikal hinuntergeht.

Das sollte ein ziemlich offensichtlicher Punkt sein. Es ist aber auch ein Punkt, der den Hörern und Hörerinnen am MIT nicht offensichtlich zu sein scheint, und diese Studenten und Studentinnen sind nicht gerade „durchschnittlich“. Trotzdem verwechseln über 80 Prozent der Befragten in Stermans Studie den Hahn mit der Badewanne. Sie verwechseln Emissionen mit Konzentrationen.

Zugegebenermaßen wurde diesen zweihundert MIT-Studenten nichts von der Badewanne erzählt. Sie sahen nur einen Auszug der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ vom zu jener Zeit letzten IPCC-Bericht. Dies ist das Dokument, welches die Problemlage den Beamten und Politikern erklären sollte. Wenn allerdings ein solch wichtiger Punkt wie jener zum Unterschied zwischen alljährlichen Emissionen und der Kohlenstoffkonzentration in der Atmosphäre – zwischen Wasserhahn und Badewanne – sogar an MIT-Studenten vorbeigeht, welche Hoffnung gibt es dann für den Rest von uns?

Tatsächlich ist es eine „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“. Otto Normalverbraucher muss es vielleicht nicht so genau verstehen, solange es die Politiker tun. Allerdings sind MIT-Studenten wahrscheinlich keine schlechten Repräsentanten für (besser ausgebildete) Politiker. Außerdem gibt es solche und solche Politiker. Jener anonyme Beamte, der auch das eigentliche Gesetz schreibt, mag wohl ein Doktorat in seinem Spezialgebiet haben. Zu hoffen wäre es. Ein Politiker aber ist höchstwahrscheinlich kein Experte in jedem Gebiet, mit dem er sich befasst. Und schlussendlich sind es ja auch Herr und Frau Normalverbraucher als Wähler, die entscheiden, wie der Politiker über eine bestimmte Materie zu denken hat.

Es sollte also keine Überraschung sein, dass eine allzu populäre Option unter Politikern „Abwarten und Tee trinken“ ist, wenn es um den Klimawandel geht. Man braucht nicht lange an die Badewanne zu denken, um zu sehen, dass dies nicht die richtige Antwort ist. Wir können schließlich nicht warten, bis die kritische antarktische Eisplatte gänzlich ins Meer rutscht und uns drei Meter näher an den Meeresspiegel während des Pliozäns bringt. Zu diesem Zeitpunkt würden selbst die allerletzten Nachzügler realisieren, dass wir uns tatsächlich in einer Klima-Notlage befinden. Doch die Notlage ist schließlich mit den Kohlenstoff-Konzentrationen verbunden. Wir können allerdings am direktesten die Emissionen in die Atmosphäre kontrollieren. Und selbst, wenn wir diese über Nacht auf null schalten würden – den Hahn also komplett zudrehen –, würden wir das Problem nicht sofort lösen. Es wird Jahrhunderte und Jahrtausende dauern, bis der überflüssige Kohlenstoff auf natürliche Art aus der Atmosphäre abgeflossen sein wird.

Abwarten und Tee trinken ist dasselbe wie eine Kapitulation.

* * *

Das Klimaproblem verlangt nach einer vollkommen neuen Denkweise, einer, die sowohl den MIT-Studenten als auch Entscheidungsträgern und der breiteren Öffentlichkeit fremd zu sein scheint. Und nur dass wir nicht meinen, eine Lösung des Klimaproblems sei so einfach wie das Badewannenproblem zu verstehen und auch anzugehen (obwohl dies alleine auch schon schwer genug zu sein scheint) – denn dieses Problem zeigt nur zwei der vier offenbar einzigartigen Eigenschaften des Klimawandels auf: wie einzigartig langfristig und irreversibel das Problem tatsächlich ist. Die Badewanne besagt jedoch nichts über die anderen zwei Eigenschaften: wie global und ungewiss das Klimaproblem ist. Die globale Natur der Erderwärmung macht es so unglaublich schwierig, den Hahn nun tatsächlich zuzudrehen. Die Unsicherheit hilft auch nicht gerade dabei, obwohl sie selbst einen noch viel größeren Handlungsbedarf darstellt: Wenn man nicht genau weiß, wann die Badewanne übergehen wird, wäre es nur angebracht, den Hahn noch früher zuzudrehen.

Wir schaffen das

Wir können nun in zwei vollkommen entgegengesetzte Richtungen schreiten.

Eine Richtung ist die des Optimismus. Ja, die Situation ist schlimm, aber schauen wir doch auf all den Fortschritt. Der Preis von Solarzellen ist innerhalb von nur fünf Jahren um 80 Prozent gefallen. Viel davon passierte auf den Rücken deutscher und chinesischer Haushalte, deren Regierungen jede Menge an Subventionen ausbezahlten, um diese Kosten zu senken, aber der Preisverfall spricht für sich. Die richtige Antwort darauf: einerseits sich selbst auf den Rücken klopfen und andererseits Chinesisch lernen und Dankeskarten schreiben. Die Subventionen haben viel Geld gekostet, aber der Preisverfall kommt jetzt sowohl den Deutschen und Chinesen als auch dem Rest der Welt zugute.

Solarenergie ist kein perfekter Ersatz für fossile Brennstoffe, zumindest nicht ohne wichtige Verbesserungen in Sachen Elektrizitätsmarktstrukturen sowie Batterietechnologien. Ein Kohle- oder Erdgaskraftwerk kann einfach ein- oder ausgeschaltet werden. Wir können aber nicht kontrollieren, wann und wo die Sonne scheint. Trotz alldem sprechen die Zahlen für sich: An einem sonnigen Sonntagnachmittag bekommt Deutschland mehr als 50 Prozent seiner Elektrizität von der Sonne. Auf das Jahr gerechnet bekommt die Bundesrepublik mittlerweile um die fünf Prozent seiner Elektrizität aus Solarenergie. Und wir sprechen hier von Deutschland, mit viel Industrie und Gewerbe und ohne viel Sonne.

Aus globaler Sicht stehen die Dinge auch sehr gut. Die Welt fügt mittlerweile pro Jahr um die 40 Gigawatt (GW) an Solarenergiekapazität hinzu. Bereits 2013 waren es 40 GW. Im Jahr 2012 waren es auch schon 30 GW, genauso wie im Jahr davor. Die Zahlen selbst sind groß, aber die Zuwachsraten sind noch viel wichtiger. Im Jahr 2000 hatte die gesamte Welt etwa 1 GW an Solarkapazität. Am Ende des Jahres 2010 waren es 40 GW. Bis Ende 2013 waren es 140 GW. Mittlerweile sind es 200 GW. Das ist explosives Wachstum, auf der Überholspur.

Eine der optimistischeren Einschätzungen kommt vom Klimaforscher David Keith: „Es ist technisch möglich, die Emissionen innerhalb eines halben Jahrhunderts fast auf null zu bringen, während wir gleichzeitig hohe Lebensstandards erhalten – und diese auch erhöhen.“

Die unumgänglichen und hochwichtigen politischen Kurswechsel passieren auch bereits. Nirgendwo sind zwar bisher die Veränderungen ausreichend, aber zusammengenommen präsentieren sie ein eindrucksvolles Angebot an politischen Rahmenbedingungen. Europa hat seit 2008 einen funktionierenden Emissionshandelsmarkt für Kohlendioxid. Mittlerweile hat Kalifornien den weltweit umfassendsten derartigen Markt, der 80 Prozent aller Treibhausgase miteinbezieht. British Columbia hat eine Kohlendioxidsteuer. China experimentiert mit sieben regionalen Emissionsmärkten und ab 2017 wird das Land einen nationalen Markt haben. Indien hat eine 1-Euro-Steuer pro Tonne Kohle.Das ist nicht viel, aber es gibt sie immerhin. Über 150 Länder haben ihre eigenen Ziele für Emissionsreduktionen. Das Pariser Klimaabkommen schreibt ambitionierte globale Ziele vor. Selbst in den USA tut sich etwas. Eine solide Mehrheit der Amerikaner möchte, dass auch die Politik in Washington endlich handelt. Eine Handvoll von Jahrhundertstürmen wie jene zwei, die New York City innerhalb von zwei Jahren 2011 und 2012 getroffen haben, und wir werden auch dort wirkliche politische Veränderungen sehen.

Tatsächlich wird der Pfad zu einer vernünftigen amerikanischen Klimapolitik immer klarer. Einerseits wird er wahrscheinlich via Bundesstaaten wie Kalifornien gehen. Andererseits verläuft der Pfad auch über das Luftreinhaltegesetz aus dem Jahr 1970. Die amerikanische Umweltschutzbehörde hat dank diesem Gesetz – unterschrieben von Richard Nixon – die Aufgabe, Kohlendioxidemissionsstandards für neue sowie auch für bereits existierende Kraftwerke zu setzen. Zumindest könnte dieses Gesetz einen Verhandlungsgegenstand darstellen, wenn es dazu kommt, dass der US-Kongress wieder ein grundlegendes Klimagesetz mit einem direkten Kohlendioxidpreis diskutiert.

* * *

Optimismus ist gut. Ökonomen sind von Natur aus fast krankhaft optimistisch, obwohl es oft eine andere Art von Optimismus ist. Wachstum ist gut. Handeln ist gut. Technologie ist gut. Für jeden dieser Sätze wäre es angebracht, ihn mit einem Sternchen und einer Anmerkung zu versehen. Aber diese Sternchen sind eben nur das. Wenige Ökonomen mögen glauben, dass Solarzellen alleine die Welt retten können, aber neue Technologien haben uns wiederholt vor den tristesten Umweltproblemen gerettet. Ende des 19. Jahrhunderts drohte etwa New York im Pferdemist zu ersticken. Kurz danach kam der Verbrennungsmotor und verbannte die Pferde in den Central Park. Niemand sah diese neue Technologie damals voraus. Es benötigte auch nicht viel an aktiven politischen Interventionen: Auto erfinden + Öl entdecken = Heureka!

Einer dieser technologischen Durchbrüche könnte gleich ums Eck sein. Die menschliche Geschichte wartet offenbar immer dann mit solchen Durchbrüchen auf, wenn sie am notwendigsten sind. Das ist schließlich der Grund, warum wir als Spezies noch hier sind. Allerdings ist die Hoffnung auf einen solchen Durchbruch keine Strategie. Deshalb ist die Politik gefragt. Diese hat auch in der Vergangenheit oft das Notwendige gemacht.

Bei vielen Schadstoffen wurden (und werden) die Dinge oft schlechter, bevor sie sich verbesserten (und verbessern). In den Vereinigten Staaten etwa war es der Cuyahoga River in Cleveland, der Feuer gefangen und damit auch einen entscheidenden Funken für die aufkeimende Umweltschutzbewegung in den 1960er-Jahren versprüht hat. Richard Nixon unterschrieb schließlich das nationale Umweltpolitikgesetz von 1969 und bestellte die Umweltschutzbehörde. Und das war nur der Anfang. Zusätzlich unterschrieb er 1970 das Luftreinhaltegesetz, 1972 das Wasserreinhaltegesetz und 1973 das Gesetz zur Erhaltung gefährdeter Arten, um nur ein paar Meilensteine zu nennen. Ein Dutzend weiterer Gesetze half, die „Umweltschutzdekade“ abzurunden. Und der amerikanische Kongress hat auch seither kühn gehandelt, mit breiten überparteilichen Mehrheiten. George H. W. Bush unterschrieb 1990 eine grundlegende Gesetzesnovelle zum Luftreinhaltegesetz. Unter anderem führte dies zu Maßnahmen, die den sauren Regen und das daraus resultierende Waldsterben eingedämmt haben.

All dies trifft auf relativ lokale Schadstoffe zu: das Quecksilber, welches direkt den Intelligenzquotienten Ihrer Kinder um ein paar Punkte verringert; der Ruß, der ihr Asthma bedingt; der Smog, der sie triefäugig macht und ihre Großeltern frühzeitig tötet; oder auch die Giftstoffe, die es für jeden gefährlich machen, das Leitungswasser zu trinken. Sie sehen, riechen oder schmecken das Problem. Die Politik reagiert. Problem gelöst.

Die Realität ist natürlich um einiges chaotischer, als es diese einfache Kette verspricht. Niccolò Machiavelli hat es im Fürst prägnant auf den Punkt gebracht, der posthum im Jahr 1532 erschienen ist: „Dabei muß man erwägen, daß es gar keine Sache von größerer Schwierigkeit und von zweifelhafterem Erfolge gibt, als sich zum Haupte einer neuen Staatsverfassung aufzuwerfen. Denn Alle die, welche sich in der alten Ordnung der Dinge wohl befanden, sind der neuen feindlich; und diese hat nur laue Verteidiger an denen, welche dabei zu gewinnen hoffen.“

London hatte seine erste große Erfahrung mit Luftverschmutzung in den 1280er-Jahren. König Edward I. schuf im Jahr 1285 die erste Luftreinhaltekommission. Im Jahr 1306 machte er das Verbrennen von Kohle illegal. Die Strafe für Wiederholungstäter: der Tod. Man sollte glauben, dass dies mit der richtigen Überwachung und Vollstreckung das Problem ein für alle Mal lösen sollte. Allerdings wurde das Gesetz bald wieder annulliert – und seither wurde wieder eine Menge Kohle verbrannt.

Trotz dieser doch etwas komplizierten Realität für herkömmliche Schadstoffe ist der Klimawandel noch um einiges komplizierter. Das Klimaproblem hat einfach sehr wenig mit herkömmlichen, lokalen Umweltproblem gemein. Es ist schließlich globaler, langfristiger, irreversibler und ungewisser als alle anderen dieser Probleme. Die Normalpolitik gilt hier nicht. Wir sind ja nicht einmal derselben Meinung, wie groß das Problem nun tatsächlich ist. Martin Luther King jr. Hatte seinen Traum zu einer Zeit, als der Albtraum noch fast jedem klar war. Wir sind in Sachen Klimaproblem einfach noch nicht so weit, vor allem natürlich nicht in den USA, aber auch anderswo.

Nein, wir schaffen das nicht

All das, was wir über Chemie und Physik wissen, all das, was wir über die Ökonomie und Psychologie menschlichen Verhaltens wissen, und all das, was wir über unsere Politik wissen, sagt uns, dass die Dinge erst schlechter werden, bevor sie auch wieder besser werden. Die Tatsache, dass Kohlendioxid in der Atmosphäre Wärme einfängt – der Treibhauseffekt –, wurde im Jahr 1824 entdeckt, im Jahr 1859 in einem Labor gezeigt und im Jahr 1896 quantifiziert.

Mittlerweile haben die Menschen um die 940 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in der Atmosphäre angesammelt und die Zahl wird jährlich größer. Sie ist inzwischen groß genug, um eine Konzentration von 400 ppm an Kohlendioxid zu erreichen. Und die Konzentration erhöht sich alljährlich immer noch um 2 ppm.

Dann ist da noch das größte Problem, und wieder einmal ein einzigartiges: Dieser alljährliche Marsch in die falsche Richtung passiert aufgrund von sieben Milliarden von uns oder zumindest wegen der einen Milliarde jener – wir beide sowie Sie, liebe Leser und Leserinnen, mit einbezogen –, die am stärksten für den Kohlenstoffausstoß verantwortlich sind. Die Verantwortung liegt also bei uns allen und auch niemandem. Man kann nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen. Der Feind sind wir. Wir alle. Die politische Aufgabe ist kompliziert. Es ist oft schwer, optimistisch zu sein.

Für jede positive Nachricht in Sachen Klimapolitik scheint es auch eine negative zu geben. Ja, Indien hat eine 1-Euro-Steuer pro Tonne Kohle, es gibt aber auch über 35 Milliarden Euro an Subventionen für fossile Energieträger aus. China mag zwar sieben regionale Versuche für Emissionshandelssysteme haben, es stellt aber auch fossile Subventionen von über 25 Milliarden Euro pro Jahr bereit. Insgesamt subventioniert die Welt fossile Energieträger mit über 450 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist in etwa dasselbe, als wenn die durchschnittliche Tonne Kohlendioxid mit über 13 Euro subventioniert werden würde, mit niedrigeren Subventionen in den meisten Industrieländern und viel höheren Zahlen in ölreichen Ländern wie Venezuela, Saudi-Arabien und Nigeria. Jeder dieser Euros ist ein Schritt zurück fürs Klima. Wir sind weit davon entfernt, die richtigen Anreize zu setzen. Stattdessen lenken wir die Märkte in die exakt entgegengesetzte Richtung.

* * *

Ein weiterer Grund, warum wir nicht immer den optimistischen Pfad wählen, ist, dass er aus ökonomischer Sicht ein ziemlich ausgetretener Pfad ist. Wir wissen schon seit Langem, was zu tun wäre. Subventionen für fossile Energieträger sind ein gutes Beispiel, wo die Antwort nicht offensichtlicher sein könnte: Hör auf damit, fossile Energieträger zu subventionieren! Jetzt! Es ist jedoch schwer, dies politisch durchzusetzen. Fragen Sie nur den früheren nigerianischen Präsidenten Goodluck Jonathan, der im Jänner 2012 die Subventionen für Treibstoffe stoppte. Nach nationalen Aufständen machte er sofort einen teilweisen Rückzieher. All dies besagt aber nichts darüber, was tatsächlich die richtige Antwort wäre. Weit über ein Ende der fossilen Subventionen hinausgehend, sind auch die allgemeinen Rahmenbedingungen einer vernünftigen Klimapolitik klar – und sie sind es bereits seit Jahrzehnten.

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