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Bücher

  • Murman Verlag GmbH
ISBN Nr.: 
978-3-86581-790-7
Martin David/Sophia Schönborn
,
Oekom Verlag

Die Energiewende als Bottom-up-Innovation: Wie Pionierprojekte das Energiesystem verändern

Taschenbuch
24,95 Euro

Wie kann gesellschaftlicher Wandel in Richtung Nachhaltigkeit gelingen? Diese Frage steht letztlich hinter den vielen Debatten, die in Deutschland seit einigen Jahren rund um Themen wie erneuerbare Energien und Klimaschutz geführt werden. Auffällig ist bei der bisherigen Entwicklung der herausragende Stellenwert bürgerlichen Engagements als Wegbereiter und Motor der sogenannten Energiewende. Diese »Energierevolution von unten« in Form von Bürgerenergieprojekten macht deutlich, dass eine Zukunft mit erneuerbaren Energien nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich möglich, und vor allem erwünscht ist.

Hier setzt die vorliegende Studie an und untersucht drei Bürgerenergieprojekte, die bottom-up mit innovativen Ideen den deutschen Energiesektor aufmischen. Das Buch zeigt, welche sozialen, politischen und strukturellen Faktoren solche Pionierprojekte für ihren Erfolg benötigen und welchen Konflikten sie auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Energieversorgung begegnen.

Leseprobe aus dem Buch:

4. Die Protagonisten: Wer sie sind und was sie motiviert

Die Initiierung sowie der Erfolg der hier untersuchten drei Bürgerinitiativen steht und fällt mit den in ihnen engagierten Bürgern: Künstler, Polizisten sowie Ärzte, die ihren Stadtteil voranbringen wollen und solche Bürger, die sich um die nachfolgenden Generationen sorgen. Ihre Motive, Berufe, Netzwerke und Biografien prägen die innovativen Vorhaben und werden allzu oft in der Innovationsforschung vernachlässigt. Daher soll nun der vorangegangenen Beschreibung der drei Fälle die ausführliche Darstellung der Protagonisten folgen.

Parallel zur Recherche der zu untersuchenden Fallstudien, wurde im Rahmen des Projektes SPREAD eine Sichtung von Sekundärliteratur über die Fallstudien durchgeführt (Flick 2007: 324). Die wichtigsten Datenquellen dieser Untersuchung waren jedoch Interviews mit Pionieren der Initiativen, ihren Mitstreitern, Beobachtern und Experten. Insgesamt fanden zwischen 2011 und 2013 vier Erhebungsphasen statt. Dabei wurden zunächst vor Ort – in Singen am Bodensee, in Schönau im Südschwarzwald und im Hagener Stadtteil Berchum – Interviews mit den Pionieren und solchen frühen Mitstreitern geführt, die uns von den Pionieren noch genannt wurden. In weiteren Schritten wurden dann Experten befragt, die den Initiativen mit ihrem Know-how bezüglich des Strommarktes oder der Technik zur Seite standen. Anschließend führten wir noch persönliche sowie telefonische Gespräche mit Adoptern, also frühen und späten Kunden der EWS, Mitgliedern des BINSE-Vereins oder Solarcomplex-Anlegern.12 Die Auswertung der Interviews erfolgte nach Glaser und Strauß (2008) über mehrere, kleinteilige Kodiervorgänge, die das Material auf Basis der über- und untergeordneten Fragestellungen (siehe Kapitel 5) strukturierten. Das Ziel der Interview- und Literaturauswertung für die Entstehungs- und Diffusionsvorgänge der Initiativen war, Kontextinformationen für ein möglichst genaues Bild der vielen ineinandergreifenden Prozesse zu erhalten und Informationsdefizite abzuklären (Flick 2007: 214).

Mit ‚Protagonisten‘ sind die Akteure gemeint, die zum Hergang der untersuchten Prozesse der drei innovativen Initiativen befragt wurden. Dazu gehören die sogenannten Pioniere, frühe und späte Mitstreiter, Adopter sowie Fachexperten. Als Pioniere gelten Personen, von denen man ausgeht, dass sie Nachhaltigkeitsinnovationen initiieren, also die untersuchten Initiativen gründeten. Sie waren – je nach Fallbeispiel – Gründungsgesellschafter, Initiatoren oder auch Vereinsgründer und etablierten damit eine lokale bis bundesweite soziotechnische Neuerung.

Das besondere an den hier Befragten ist vor allem, dass sie nicht im Sinne eines renditeorientierten Unternehmens, sondern idealistisch bzw. politisch und anfangs ausschließlich ehrenamtlich agierten. Der meist kleine Kreis der Pioniere war von Beginn an auch auf Mitstreiter angewiesen, um gemeinsam Vorhaben zu konkretisieren und schließlich Stück für Stück umzusetzen. Als Mitstreiter können Personen genannt werden, die bereits im frühen Entwicklungsstadium der Initiativen unterstützend wirkten und sich stets für deren Legitimierung einsetzten. Sie konnten etwa als lokale Meinungsführer oder Politiker Hürden für die Pioniere überwinden oder auch nur bei bestimmten Projekten im Zuge des Etablierungsprozesses hilfreich sein. Adopter sind in der klassischen Innovationsforschung hingegen solche Personen, die die Innovation für sich übernehmen (Rogers 2003: 267), also beispielsweise ihren alten Stromanbieter wechseln und zu EWS-Kunden werden. Da es sich bei den hier vorgestellten Beispielen aber um unterschiedliche Initiativen handelt, deren Ziel nicht die bloße Diffusion ihres ‚Produktes‘ ist, erweitert sich der Kreis der Adopter durchmischt und schwer trennbar von Mitstreitern. Letztlich sind es diejenigen, auf deren verändertes Verhalten Pioniere und Mitstreiter hinarbeiteten. Die Einwohner von Berchum, von Singen, von Schönau sollen beispielswese weniger Energie beziehen bzw. nutzen. Adopter können also Vereins- sowie Genossenschaftsmitglieder bis hin zu EWS-Kunden sein. Zusätzlich zu diesen Personengruppen wurden auch Experten befragt, die eine bedeutende Funktion für die Initiativen innehatten: Sie steuerten schon früh – teils unentgeltlich – ihr Fachwissen bei. Die Initiativen waren dringend auf dieses Wissen über den Energiemarkt, seine Organisationsformen sowie die Technik angewiesen, schließlich waren die Pioniere Laien auf diesem Gebiet. In Anlehnung an Rogers (2003: 267ff.) kann man Adopter ferner grob in zwei Gruppen einteilen, nämlich besonders frühe Adopter und solche, die sich erst später von der Neuerung überzeugen lassen. Besonders offen für Neuerungen sind demnach frühe Adopter, die durch ihre Annahme der Innovation anderen, potentiell Interessierten ein Beispiel vorgeben und damit etwa Ängste in Bezug auf die Neuerung bei anderen abbauen.

Im Zeitraum von Februar 2011 bis August 2013 wurden daher neben Pionieren der Initiativen auch frühe Mitstreiter, Experten und Adopter befragt. Mit der Befragung dieser Pionier-nahen bis peripheren Personengruppen wurde vergleichend und kontrastierend ein Eindruck ihrer Erfahrungen und Wahrnehmungen der Initiativarbeit und –entstehung herausgearbeitet. Um aber vor allem vertiefte Informationen über die Motive zu erhalten, unter welchen Umständen und seit wann die Adopter zu den jeweiligen Initiativen fanden, wurden den Adoptern und Mitstreitern Fragen nach dem Zeitpunkt des Engagements, der Erinnerung und Reflexion der damaligen Entscheidung und Netzwerken sowie persönlichen Kontakten im Zusammenhang mit den Initiativen, gestellt. Im Zuge dessen zeigte sich auch, in welchen Handlungsfeldern und -kontexten die Initiativen Unterstützung erhielten. Zudem wurde nach den wahrgenommenen Alleinstellungsmerkmalen der jeweiligen Initiative gefragt, um zu erfahren, wie die von Seiten der Initiativen von Adoptern rezipiert wurde und welche Aspekte möglicherweise die Entscheidung ein jeweiliger Adopter zu werden, positiv beeinflussten.

 

4.1 Schwarzwälder Stromrebellen und politischer Strombezug: Die EWS-Protagonisten

Der als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe gegründete Verein Eltern für eine atomfreie Zukunft (EfaZ) kann als Initialzündung für die EWS gesehen werden: Hier entwickelten die ersten EWS-Mitstreiter und heutigen Pioniere erste Ideen für ihr innovatives Bürgerunternehmen. Der Verein zog Ende der 1980er Jahre zunächst eine Vielzahl von weiteren Mitstreitern an, die an der fehlenden politischen Initiative durch Politik und Behörden, in Bezug auf den Schutz vor Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl, Anstoß nahmen. Da aber auch die Schönauer Bevölkerung überwiegend „der konservativen Grundeinstellung der gesamten südbadischen Region“ (Graichen 2003: 136) entsprach, wurde der neue Verein in der Schönauer Kleinstadt daher nicht ohne Argwohn betrachtet, wie es ein ehemaliger Gegner der Initiative beschreibt: „Ich wusste ja gar nicht, wie intensiv sich die Leute getroffen haben. Plötzlich tauchte dieser Verein auf. Man hatte natürlich auch gegenüber bestimmten Lebensstilen Vorbehalte. Die Grünen waren ja erst am Aufkeimen, in Schönau ein bisschen später. In Schönau haben sie auch nie Tritt gefasst, obwohl es mal eine Grüne Liste für den Gemeinderat gab, die hat aber nie den Einzug ins kommunale Parlament geschafft.“ (Hurst 15.07.2011)

Es bestand generell politisch-kulturelle Skepsis innerhalb der Schönauer Bevölkerung gegenüber den Vertretern der Umwelt- sowie Anti-Atomkraftbewegung und dementsprechend auch gegenüber den Pionieren und den frühen Mitstreitern der Initiative, was auf Gemeindeebene auch Konflikte provozierte. Dies stärkte wiederum den Zusammenhalt innerhalb der EfaZ-Gruppe. Diese verband zunächst die Freundschaft ihrer Kinder miteinander und wurde mehr und mehr zu einer Freundschaft untereinander, was sogar in gemeinsamen Urlaubsaktivitäten mündete (Danmann 01.03.2013) und schließlich im Zuge des starken ehrenamtlichen Einsatzes für den Verein und die spätere Netzkaufinitiative gefestigt wurde. Die frühe Mitstreiterin Ulrike Murr (14.07.2011) drückt den damaligen Zusammenhalt wie folgt aus: „Dann hab ich gesagt ‚für Deine Eltern [Ehepaar Sladeks], würde ich barfuß durch die ganze Welt laufen.“ Die EWS und ihre Vorgängerorganisationen konnten also auf das stabile soziale Fundament ihrer freiwilligen Mitstreiter bauen. Das unterstrich das Selbstbewusstsein der Pioniere und das Selbstverständnis, mit dem die Pioniere handelten. Ursula Sladek (24.02.2011) beschreibt dieses wichtige soziale Fundament rückblickend: „Das ist auch ein Gemeinschaftserlebnis und ich denke, dass gerade in dem Bereich oder in diesen Jahren, die ja teilweise auch sehr mühsam waren für die Netzkauf-Engagierten, da war natürlich auch noch mal ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl als das jetzt vielleicht ist. Das hat sich sicherlich verändert, weiß ich nicht, weil da bin ich auch nicht mehr so mit drin.“

Diese Veränderungen führten teilweise auch zum bewussten Ausscheiden einiger früher Mitstreiter im Laufe des Etablierungsprozesses. Schließlich waren die EfaZ- und Netzkauf-Aktivisten keine Experten; Ursula Sladek war Lehrerin und Hausfrau und Michael Sladek der örtliche Allgemeinarzt. Eine andere frühere Mitstreiterin, die heute erfolgreich ein kleines Familienunternehmen leitet, beschreibt ebenfalls einen Bruch mit der Initiative, wenn sie betont: „Ich bin wirklich noch eine aus der Bürgerinitiativzeit und das ist halt das Geschäft.“ (Ballhaus 08.02.2013)

Für den starken handlungs- und Veränderungswillen der Initiative nennt Ballhaus (08.02.2013) ein übergeordnetes Motiv: „Man wollte halt einfach zeigen ‚nein, es geht, man muss es nur wollen.‘“ Dahinter standen bei den Protagonisten klassische Motive der Anti-Atomkraft-Bewegung, wie sie etwa der Pionier Rolf Wetzel (14.07.2011), darlegt: „Also ich habe eine ganz persönliche Einstellung, das hängt mit dem Atommüll zusammen. Das ist für mich ein absolutes No-Go, über Generationen so was zu hinterlassen und dann noch mit Christlich Demokratischer Union damit über die Lande zu ziehen, das hat für mich das Ganze, was Kirche betrifft, also jede Diskussion, geht nicht.“

Neben der Kritik an einer konservativen CDU, die die Schwarzwald-Region bis heute dominiert, spielt Wetzels Argument auch auf die intergenerationale Ungerechtigkeit an, die mit der Lagerung von Atommüll einhergeht. Für ihn ist der Widerspruch zwischen christlichen Werten und einer unverantwortlichen Technologie nicht auflösbar. Für die Pioniere entwickelte sich aus dieser Kritik an ihrer konservativen sozialen Umgebung eine wichtige treibende Emotion, wie Ursula Sladek (24.02.2011) verdeutlicht: „Der damalige Umweltminister hat damals die Grenzwerte für die Radioaktivität ein bisschen hoch gesetzt, damit sie nicht mehr so gefährlich ist und das war's dann im Wesentlichen auch und das hat Wut in mir hervorgerufen und ich glaube bei meinem Mann genauso. Und diese Wut das war das eigentlich, aus der wir auch viel Energie gezogen haben, so komisch das klingt. Weil Wut ja eigentlich ein negatives Gefühl eher ist. Dass man da trotzdem positive Energie herausziehen kann, das ist das eine und das andere, glaube ich, das war auch die Gemeinschaft.“

Die hier von Frau Saldek beschriebene Wut wurde schließlich zu einer wichtigen Triebfeder aller EfaZ-Engagierten. Statt sich aber dem Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der Landes- und Bundespolitik sowie eines starren Energiesystems hinzugeben, wirkte bei den Schönauern die negative Emotion der Wut als Engagement-Verstärker. Schließlich hatte man zunächst nach dem GAU damit gerechnet, dass „die da oben ja begreifen [werden] und jetzt […] die alles ändern“ (Michael Sladek 24.02.2011) müssten. Als sich aber die Erwartungen der meist jungen Schönauer Familien nicht bestätigten, konnten sie mit ihrer Empörung und Wut darüber noch weitere Befürworter gewinnen und sich untereinander in ihrem Vorhaben bestärken. Aus der Wut wurde ein „Jetzt erst recht!“ (Michael Sladek 24.02.2011) – ein tragendes Motiv, welches durch die vielen Hürden immer wieder an Relevanz für die Beteiligten gewann. Dieses fast ‚trotzige‘ Motiv entwickelte sich aus der Wut über die politische Reaktion auf Tschernobyl und verstärkte sich durch das Abwiegeln und Agieren des Energieversorgers KWR.

Dieser rebellisch anmutende Habitus prägte während der Netzkauf-Kampagne auch die Außendarstellung der EWS. Die im Zuge dessen organisierte bundesweite so genannte „Störfall“-Werbekampagne erhielt in Kreisen der Anti-Atom- und Umweltbewegten große Aufmerksamkeit. Dies spiegelt sich auch in den Interviews mit den Adoptern, also EWS-Stromkunden wider. Vor allem die Kunden der ‚ersten Stunde‘ beziehen sich auf diese ‚rebellische‘ EWS-Geschichte. Gerade diese Adopter waren es auch, die eine stärkere Interviewbereitschaft zeigten, als etwa spätere Kunden.

Als Motive für ihren Wechsel zum Ökostromanbieter EWS nannten die meisten interviewten Kunden Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte. Teilweise zählten sie sich selbst zur Antiatomkraftbewegung und fanden somit in den EWS eine Möglichkeit, ihren Strombezug in Einklang mit ihren eigenen politischen Anliegen zu bringen. Im Gegensatz zu ‚klassischen‘ Stromkunden war den meisten Interviewten die EWS-Geschichte und ihre zentralen Persönlichkeiten – die Sladeks – sehr präsent. Sie argumentierten etwa gegen die herrschende Energiewirtschaftsordnung und sahen den EWS-Ökostrombezug als wichtige Alternative zu den traditionellen Anbietern, die den Strommarkt dominieren. Martin Halm (13.07.2011) beschreibt seine Einstellung zu dieser EWS-Besonderheit so: „Der Ansatz war Dezentralität gewesen am Anfang, der Ansatz war, gegen die Monopolisten anzutreten. Also das Politische ist schon ein ganz anderer Ansatz. Die Bürgerbeteiligung und das Politische. Und von daher würde ich eigentlich sagen, haben sie schon ein Alleinstellungsmerkmal.“

Für viele Befragte sind die EWS also nicht nur ein Ökostromanbieter, der durch sein Produkt den Strommarkt verändert, sondern die Schönauer haben auch unter den andern Ökostromanbietern ein „Alleinstellungsmerkmal“ vorzuweisen, das mit seiner politischen Einstellung korrespondiert. Die EWS sind daher eine politische Initiative, die für Kunden den Wunsch nach einer dezentralen Energieversorgung und Bürgernähe verkörpert. Eine andere EWS-Kundin aus dem Raum Essen spricht auch das Ehepaar Sladek an, welches für sie die EWS wie ein „Familienunternehmen“ (Ruckert 30.10.2012) wirken lasse. Im Gegensatz zu den oft anonymen Großunternehmen wirken die Schönauer „Stromrebellen“ immer noch „anders, weil sie kleiner sind“ und damit „nah, also ich kann es irgendwie erfassen“, wie die Kundin ausführt.

Diese ‚Fassbarkeit’ korrespondiert mit der von den EWS bewusst betriebenen Bürgernähe und Transparenz und wirkt – so zeigt es die Aussage der Essenerin und auch des Hamburger EWS-Experten Graßl (28.11.2011) – auch weit über Schönaus Grenzen hinaus. Bürgernähe, ein transparentes Familienunternehmen und eine atomstromlose sowie dezentrale Energieversorgung sind also Ziele der Adopter, die sie durch die EWS umgesetzt sehen und motiviert einige sogar, aktiv weitere Adopter in ihrem Umfeld zu werben.

Das wahrgenommene Risiko ist gerade bei frühen Adoptern eine große Hürde, die es auch bei anderen Innovationen zu überwinden gilt. Die Bürgerinitiative aus dem Schwarzwaldstädtchen sorgte aber teils auch bei überzeugten Atomkraftgegnern für Sorgen: „Natürlich haben wir zunächst auch gefragt, ‚wie funktioniert das jetzt? Wird jetzt unser lokaler Anbieter sauer und stellt unseren Strom ab?‘ Also diese Ängste, die erst einmal da sind. […] Wir haben dann einfach gesagt ‚Was soll schon groß passieren?‘ Schlimmstenfalls würden sie uns den Strom abstellen. Wir gehen dieses Risiko einfach mal ein, denn wir wollen keinen Atomstrom mehr.“ (Blum 25.10.2012)

Es fanden also Diskussionen über mögliche Risiken von Ökostrombezug statt, was die Befragten von ihrem Vorhaben, Ökostrom zu beziehen, offensichtlich nicht ablenkte. Man wollte den EWS vertrauen und hob die politische Überzeugung über das Ziel der privaten, sicheren Energieversorgung.

Einige Befragte hatten auch persönlichen Kontakt zu den Sladeks und hier zeigte sich, dass das Auftreten dieser beiden zentralen EWS-Pioniere einen positiven Eindruck hinterließ. Ein Kunde etwa hatte beide im Kontext gemeinsam durchgeführter Jugendprojekte mit regionalen Umwelt- bzw. Naturschutzverbänden kennengelernt und wechselte daraufhin (Dill 05.09.2012). „Und dann hat er uns in den Bann gezogen, also ich war völlig wach. War völlig präsent und dann hab ich gedacht, ‚Wow, das war einfach cool.‘“, so beschreibt etwa der EWS-Kunde Bubacher (10.10.2012) einen Besuch einer Veranstaltung mit Michael Sladek. Er benennt damit eine von ihm so wahrgenommene Anziehungskraft und Authentizität, die er bei Herrn Sladek verortete und die ihn schon sehr früh  (2000) zu der Entscheidung eines Stromwechsels bewegte. Die Adopter betrachteten die EWS also als ein Stromunternehmen ‚zum Anfassen‘, ein Argument, was höchstwahrscheinlich in dieser Form bei keinem Kunden eines anderen Energiekonzerns, wie etwa RWE, ein Rolle spielen dürfte. Dennoch zeigen die Interviews, dass alle Kunden auch wirtschaftliche Fragen in ihre Entscheidungen miteinbezogen: „‚Den Strom muss ich haben, wenn ich ihn mir leisten kann!‘“, so die Aussage Bubachers (EWS-Kunde, 10.10.2012) und er zeigt damit, dass auch er sich – obwohl politisch überzeugt von den EWS-Zielen – sehr wohl des Risikos höherer Energiekosten bewusst war und welches somit möglicherweise ein Hindernis darstellen kann. Insbesondere spätere Adopter, also die, die sich erst nach einiger Zeit (z.B. ab 2007) für den Anbieterwechsel entschlossen, berichten auch über den niedrigen Preis des EWS-Stroms auf das Unternehmen aufmerksam geworden zu sein: „Wir haben einfach im Internet rumrecherchiert, wer der günstigste Ökostromanbieter ist, der tatsächlich Ökostrom hat und nicht nur so tut als ob. Und sind dann unter anderem eben auf Schönau gekommen.“ (Ottmar-Christof Plötz 2012, EWSKunde) Die politischen Ziele sowie die EWS-Innovationsgeschichte sind diesem Kunden nicht oder nur im geringen Umfang präsent, ebenso anderen, späten Adoptern. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Bedeutung dieser zwei wichtigen EWSCharakteristika vor allem bei frühen Adoptern, die eine höhere Unsicherheit überwinden mussten, für ihre Wechselentscheidung noch bedeutsamer ist, als bei späteren Adoptern.

 

4.2 Vom Reden über's Handeln zur regionalen Wirtschaftskraft: Die Solarcomplex-Protagonisten

Seit 1997 trafen sich politik-, philosophie- und kunstinteressierte Singener Bürger kontinuierlich in einer losen Gruppe namens Singener Werkstätten, um gemeinsam Zukunftsfragen mit Nachhaltigkeitsbezügen von ‚global bis lokal‘ zu diskutieren. Einer der Teilnehmer und späterer Mitgründer von Solarcomplex, Benedikt Müller, nennt den dort vorherrschenden Geist eine „Bauhaus-Atmosphäre“ und vergleicht die Treffen mit „einer Volksuniversität“ (zit. n. Nolte 2010: 43). Nach einer Zeit intensiver Diskussionen im Rahmen der Vorgängerinstitution Singener Werkstätten, verstärkte sich innerhalb der Gruppe der Wunsch nach der Umsetzung ihrer Ideen in konkrete Praxis. Heute ist die einstige Bürger-Initiative ein bedeutender Akteur auf dem regionalen Energiemarkt, der mit Energie aus Wasser, Wind und Sonne sowie unterschiedlichen Beteiligungsmodellen die Bodensee-Region bis 2030 energieautark machen will.

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