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Bücher

  • Murman Verlag GmbH
ISBN Nr.: 
978-3-86581-681-8
Bernd Hirschl u.a. (Hrsg.)
,
oekom verlag

Biokraftstoffe zwischen Sackgasse und Energiewende

29,95 Euro

Die kontroversen Debatten zum Thema Biokraftstoffe reißen nicht ab. Einst gefeiert als Allheilmittel gegen Klimawandel, Ölabhängigkeit sowie für die Entwicklung ländlicher Regionen, werden potenziell positive Wirkungen der Biokraftstoffe zunehmend infrage gestellt. Dennoch werden Biokraftstoffeweltweit politisch gefördert. Diese widersprüchliche Entwicklung wirft die Frage auf, welche Rolle sie für eine sozial-ökologische Transformation der Energiesysteme (noch) spielen können.

Im vorliegenden Buch werden die Folgen und Entwicklungen der Biokraftstoffförderung und -nutzung in und zwischen verschiedenen Weltregionen (Europa, Asien, Afrika, Südamerika), ihre politische Regulierung und diskursive Legitimierung analysiert. Die Beiträge im Buch belegen, dass Biokraftstoffe nie der alleinige Auslöser von Verdrängung, Entwaldung oder Hunger sind. Unter den gegebenen Umständen der transnationalen Verflechtung und mangelnden Regulierung tragen sie jedoch oftmals stärker zu Problemen bei, als dass sie diese entschärfen.

Leseprobe aus dem Buch:

Maria Backhouse

Biodiesel aus Amazonien – Verdrängung statt Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft

1 Einleitung

Brasilien gehört weltweit zu den größten Agrarkraftstoffproduzenten und -konsumenten.1 Bereits seit den 1970er Jahren wird Ethanol auf der Basis von Zuckerrohr hergestellt und zwischen 20 und 25 Prozent dem Benzin beigemischt. Seit 2005 fördert die brasilianische Regierung mit dem Programm für die Produktion und Nutzung von Biodiesel (Programa Nacional de Produção e Uso do Biodiesel – PNPB) auch die Biodieselproduktion für den nationalen Konsum. Im Jahr 2010 verabschiedete die brasilianische Regierung zusätzlich das Programm für die nachhaltige Palmölproduktion (Programa de Produção Sustentável da Palma de Óleo). Die Hauptanbaugebiete für die Ölpalmplantagen liegen im amazonischen Bundesstaat Pará.

Mit der Förderung der Palmölproduktion soll eine Korrektur im Biodieselsektor vorgenommen werden. Der brasilianische Biodiesel beruht nämlich zu etwa 80 Prozent
auf Sojaöl, einem Abfallprodukt der Tierfutterindustrie, welches zudem eine der Hauptursachen von hohen Abholzungsraten und der Verdrängung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ist. Gerade das entwicklungspolitische Ziel des Biodieselprogramms, über die Inklusion der kleinbäuerlichen Landwirtschaft die Armut im Norden und Nordosten des Landes zu bekämpfen, gilt als weitgehend gescheitert, weil die kleinbäuerliche Landwirtschaft als Produzent kaum einen Anteil am brasilianischen Biodiesel hat (Repórter Brasil 2010; Wilkinson & Herrera 2010; Bernardes & Aracri 2011).

Ziel des Palmölprogramms ist es deshalb, die Pflanzengrundlage für Biodiesel um Palmöl zu erweitern, um die Abhängigkeit des brasilianischen Biodieselsektors vom Sojaöl zu minimieren. Gleichzeitig soll die kleinbäuerliche Landwirtschaft stärker in den Palmöl- beziehungsweise Biodieselsektor eingebunden werden, indem die Kreditlinien für kleinbäuerliche Produzenten und Produzentinnen erhöht wurden. Denn die bisherigen Kreditlinien im Rahmen des Biodieselprogramms PNPB hatten nicht den hohen Investitionskosten der Palmölproduktion entsprochen, weshalb die brasilianische Palmölproduktion weder in der kleinbäuerlichen noch in der großflächigen Form expandierte.

Die sozialen und ökologischen Vorteile von Palmöl gegenüber Sojaöl liegen laut der staatlichen Agrarforschungsbehörde EMBRAPA (Empresa Brasileira de Pesquisa Agropecuária) auf der Hand: Palmöl ist mittlerweile weltweit das meistgehandelte Pflanzenöl mit großem Wachstumspotenzial. Es ist pro Hektar mindestens zehnmal so ertragreich wie Soja und somit konkurrenzfähig zum billigen Sojaöl, benötigt nur die Hälfte der Pestizide und schützt als Dauerkultur von 20 bis 30 Jahren die Böden. Außerdem ist die Palmölproduktion arbeitsintensiv (0,125 Arbeitskraft pro Hektar) und schafft im Vergleich zu den Sojafeldern (0,07 Arbeitskraft pro Hektar) mehr Arbeitsplätze auf den Plantagen. Die kleinbäuerliche Palmölproduktion ist aus dieser Sicht im Gegensatz zu allen anderen Ölpflanzen ökonomisch rentabel und eine einmalige Chance, die ländliche Armut zu bekämpfen (Furlan Junior et al. 2006, 185).

Erstmals ist ein Teil der brasilianischen Biodieselproduktion auch mit klimapolitischen Zielsetzungen verbunden: Über einen agrar-ökologischen Zonierungsplan soll sichergestellt werden, dass ausschließlich vor 2008 abgeholzte Flächen zu Ölpalmplantagen umgewandelt und keine Umweltschutzgebiete oder Territorien traditioneller Gemeinschaften2 gefährdet werden. Durch die vermiedene Entwaldung und die intensivierte Nutzung von degradierten beziehungsweise abgewirtschafteten Viehweiden soll die Palmölproduktion zum brasilianischen Klimaschutzziel beitragen, den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid (CO2) zu reduzieren (Brasilianische Regierung 2010). Das Palmölprogramm scheint somit in deutlicher Abgrenzung zur Sojaproduktion einen Wendepunkt hin zu einer sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Biodieselproduktion zu markieren.

Die Entwicklungen in Pará der letzten drei Jahre deuten jedoch an, dass das Palmölprogramm entgegen seinen politischen Zielsetzungen mit sozial-ökologischen Problemen für die kleinbäuerliche Landbevölkerung verbunden ist. Mit dem Begriff sozial-ökologisch ist in Anschluss an die politische Ökologie gemeint, dass gesellschaftliche und ökologische Problemlagen untrennbar miteinander verwoben sind (vgl. etwa Görg 2004; Bryant & Bailey 2005; Robbins 2010). Aus dieser Forschungsperspektive sind ökologische Krisenerscheinungen wie die Energieverknappung oder der Klimawandel ebenso wie ihre Bearbeitungsstrategien mit gesellschaftlichen Macht-Wissen-Verhältnissen verknüpft.

Je nach regionalem und historischem Kontext können Bearbeitungsstrategien der Energiekrise wie die Ausweitung der Biodieselproduktion widersprüchliche Auswirkungen haben. Es stellt sich deshalb die Frage, wie die Landzugangs- und Landnutzungsverhältnisse durch das Palmölprogramm verändert werden, welche Rolle hierbei grüne Erklärungs- und Legitimierungsstrategien spielen und wer davon letztlich profitiert beziehungsweise die Kontrolle über Landzugang und -nutzung übernimmt (vgl. Peluso & Lund 2011; Backhouse 2013).

Auf der Grundlage einer qualitativen Fallstudie in Pará3 werde ich nun am Beispiel der Expansion der Plantagen des Bergbauunternehmens Vale diesen Fragen nachgehen. Ich werde nach einer kurzen Verortung zunächst skizzieren, mit welchen Verdrängungsdynamiken die Ausweitung der Palmölproduktion in Pará verbunden ist und wie dies umwelt- und klimapolitisch legitimiert wird. Zum Schluss werde ich diskutieren, warum die kleinbäuerliche Landwirtschaft nicht zu den Gewinnern zählt, sondern sich vielmehr eine neue, „grüne“ Landnahme andeutet.

2 Palmöl in Pará/Amazonien

Die afrikanische Ölpalme (Elaeis guineensis) wurde bereits vor 400 Jahren von afrikanischen Sklaven nach Brasilien gebracht (Watkins 2011). 1942 wurde sie erstmals im Rahmen von Forschungsprojekten im Amazonasbecken eingeführt und ab den 1970er Jahren als Teil der Erschließungs- und Entwicklungspolitik Amazoniens unter der Militärdiktatur gefördert (Silva et al. 2011; Furlan Junior et al. 2006). Zielgruppen der finanziellen Anreize im Rahmen der Erschließungspolitik unter der Militärdiktatur waren Unternehmen und Banken, die erste Plantagen anlegen ließen. Wie bei vielen anderen Großprojekten in dieser Zeit kam es zu Landraub seitens der Palmölunternehmen und gewaltsamen Landkonflikten mit traditionellen Gemeinschaften (Acevedo 2010).

Bereits 1980 war in Anlehnung an das Proalcool-Programm4 die Förderung von Biodiesel auf Palmölgrundlage geplant. Dieser Plan wurde jedoch aufgrund technischer Probleme und des fallenden Ölpreises ab Ende der 1980er Jahre nicht weiter verfolgt. Das Palmölprojekt im Amazonasbecken galt (vorerst) als gescheitert (Homma & Furlan Júnior 2001). 2009 beliefen sich die Plantagenflächen in Pará lediglich auf knapp 50.000 Hektar, während etwa zeitgleich die Sojafelder auf über acht Millionen Hektar anwuchsen (IBGE 2009). Seit der Verabschiedung des Palmölprogramms im Jahr 2010 haben sich die bepflanzten Ölpalmplantagen in Pará auf 140.000 Hektar im Jahr 2013 fast verdreifacht (Glass 2013, 5). Bis Ende 2013 haben über tausend kleinbäuerliche Familien Verträge mit den Palmölunternehmen zur Palmölproduktion abgeschlossen.5

Die sich ausweitende agrarindustrielle Palmölproduktion schreibt sich zunehmend in die Landschaft ein. Es entstehen Plantagen in einer Größe von bis zu 10.000 Hektar pro Einheit – portugiesisch ‚pólos‘ genannt –, in deren Mitte die Weiterverarbeitungsmühlen konstruiert werden. Die Parzellen der kleinbäuerlichen Vertragslandwirte liegen zerstreut in einem Radius von maximal 30 Kilometern um die entstehenden Plantagen. Da die geernteten Früchte binnen 24 Stunden weiterverarbeitet werden müssen, ist ein hoher logistischer Aufwand erforderlich. Hierzu gehören eine straffe Arbeitsorganisation auf den Plantagen, angepasste Verkehrsinfrastrukturen (Straßen, Flusswege, Brücken, Häfen) und eine Weiterverarbeitung in der Nähe der Plantagen (vgl. Furlan Junior et al. 2006, 84-85).

Transnational agierende Konzerne wie das staatliche Energieunternehmen Petrobras, das Bergbauunternehmen Vale oder der US-amerikanische Konzern ADM (Archer Daniels Midland Company) investieren in Plantagen und Weiterverarbeitungsindustrien und konkurrieren mit lokalen Palmölunternehmen (zum Beispiel Agropalma oder Marborges) um Land, Arbeitskräfte sowie potenzielle Vertragsbauern und -bäuerinnen. Wichtigster Akteur der aktuellen Ölpalmenexpansion in der Region ist Vale, das zweitgrößte Bergbauunternehmen der Welt.

Im Jahr 2011 übernahm Vale 70 Prozent des Unternehmens Biopalma, das seit 2008 in Pará Ölpalmplantagen anlegt. Vale erklärt seinen Eintritt in den Palmölsektor mit der Strategie, sich global als ökologisch nachhaltiges Unternehmen zu etablieren und erneuerbare Energien für den Eigengebrauch zu produzieren. Bis 2020 soll dem fossilen Diesel für die eigene Fahrzeugflotte (Dieselloks, Lastwagen) 20 Prozent Biodiesel beigemischt werden. Bis 2013 sind von Vale in Pará 40.000 Hektar Ölpalmplantagen angelegt worden (USDA 2013). 2015 soll die Agrardieselproduktion einsetzen und im Jahrestakt ausgeweitet werden (Barros 2014).

Interviewte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Vale schätzen die unternehmenseigene Flächenexpansion in den nächsten Jahrzehnten auf vier Millionen Hektar (dies entspricht etwa der Größe der Schweiz). Fünfzehn Prozent des auf diesen Flächen produzierten Palmöls soll dabei von kleinbäuerlichen Vertragslandwirten bezogen werden.6 Diese Expansionsziele sollen erreicht werden, ohne Primärwälder zu gefährden. In einer Pressemitteilung versichert Vale: „All areas used to grow palm trees have been mapped and classified by the federal government as degraded area“ (Vale 02.01.2011).

3 Die Neuordnung der Kontrolle über Landzugang und -nutzung

Die Fallstudienregion der aneinandergrenzenden fünf Landkreise Moju, Acará, Bujaru, Tomé-Açu und Concórdia ist keineswegs nur von sogenannten degradierten Flächen oder extensiven Viehweiden, sondern auch von einer heterogenen kleinbäuerlichen Landwirtschaft geprägt. Sie gilt als eine der am dichtesten besiedelten Regionen Amazoniens. Im Jahr 2010 lebten hier 234.016 Menschen auf einer Fläche von 20.279 Quadratkilometern, davon etwa die Hälfte auf dem Land, die andere in Kreisstädten (IBGE 2010a). Als ein zentraler Produktionsstandort für Grundnahrungsmittel (Maniok, tropischer Früchte) übernimmt die Region eine wichtige Funktion für die Nahrungsmittelversorgung der nahe gelegenen Metropole Belém (vgl. IBGE 2012).

In offiziellen Statistiken gilt die Region als arm: Nach der Armutsstatistik des Zensus leben in der Fallstudienregion zwischen 40 und 50 Prozent der Landbevölkerung unterhalb der brasilianischen Armutsgrenze von 70 Reais monatlichem Pro-Kopf-Einkommen (ca. 35 Euro) (IBGE 2003, 2010b). Laut Regierung stelle der Palmölsektor für kleinbäuerliche Familien deshalb eine einmalige Chance auf ein verbessertes monetäres Einkommen dar und könne die seit Jahrzehnten stattfindende Verdrängung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft zumindest eindämmen. Wie sich nun aber zeigen wird, profitieren nicht – wie politisch intendiert – alle gleichermaßen vom Palmölprogramm. Vielmehr deutet sich ein neuer Verdrängungsprozess der kleinbäuerlichen Landwirtschaft an.

3.1 Verdrängungen durch Landspekulation

Die Ausweitung der Ölpalmplantagen hat die Bodenpreise steigen lassen und die Spekulation mit Land für Zwischenhändler – in der Fallstudienregion einflussreiche (ehemalige) Bürgermeister und Großgrundbesitzer – zu einem lukrativen Geschäft gemacht. Dies birgt ein großes Konfliktpotenzial, denn in Pará sind die meisten Landtitel aufgrund von großflächigem Landraub durch Urkundenfälschung und einem fehlenden übergeordneten Landkatasteramt ungültig (Treccani 2001). Allein im Landkreis Moju umfassen die Landansprüche im Grundbuchamt mehr als die fünffache Fläche des Landkreises (Treccani 2013). Die Gefahr ist groß, dass bei unterschiedlichen Landansprüchen Konflikte ausgelöst werden. Der Bundesstaat Pará führt bereits die brasilianische Statistik zu gewaltsamen Landkonflikten an (vgl. CPT 2012).

Bereits der Anstieg von Landkäufen setzt einen Verdrängungsprozess in Gang, ohne dass dafür direkte Gewalt angewandt wird. In den Landkreisen Acará und Bujaru wurde schon im Jahr 2011 ein Abwanderungsprozess fast ganzer Dorfgemeinschaften beobachtet. Im Landkreis Acará wurde etwa der Fall des Dorfes Bucaia überregional bekannt, in dem der Großteil der Bauern und Bäuerinnen ihr Land an Zwischenhändler verkauft haben und nun in den Armenvierteln der Stadt Acará leben.7 Einen ähnlichen Fall stellt das Dorf Mariquita im Landkreis Bujaru dar, wo zwischen 2008 und 2011 von den dort lebenden 60 Familien 46 ihr Land an einen Großgrundbesitzer verkauft haben, der das Land wiederum an Vale gewinnbringend weiterverkaufte. Die verbliebenen 14 Familien stehen nun zunehmend unter Druck der expandierenden Ölpalmplantagen von Vale und seiner Zwischenhändler.8

Druck auf die Familien entsteht etwa, wenn Landhändler den Familien ohne Landtitel mit dem Verlust ihres Landes drohen und ihnen anbieten, es vorher noch zu verkaufen. Der Verkaufs- beziehungsweise Verdrängungsdruck entsteht auch dadurch, dass die verbliebenen Familien durch die Landverkäufe ihrer Nachbarn und die wachsenden Plantagen isoliert werden und deshalb ihr Land verkaufen. Der Landkauf wird zu einem Mittel der Landnahme beziehungsweise Verdrängung, weil er nicht auf Augenhöhe zwischen gleichberechtigten Akteure und Akteurinnen stattfindet, sondern in große Machtasymmetrien und jahrzehntealte Landzugangskonflikte in der Region eingebettet ist.

3.2 Verdrängungen durch die vertragslandwirtschaftliche Inklusion

Staatliche Akteure und Akteurinnen räumten in den Interviews diese politisch ungewollten Verdrängungseffekte des Palmölprogramms ein und verwiesen auf die vertragslandwirtschaftliche Inklusion der kleinbäuerlichen Familien in den Palmölsektor als Versuch, diesem Prozess der „Landflucht“ entgegenzuwirken.9 Doch auch die Vertragslandwirtschaft ist keine langfristige Alternative, weil sie nur für die Bedürfnisse des Palmölsektors und nicht der kleinbäuerlichen Landwirtschaft konzipiert ist. Die kleinbäuerlichen Produzenten und Produzentinnen im Umkreis der ‚pólos‘ werden zu Zulieferern des agrarindustriellen Palmölkomplexes raum-zeitlich re-organisiert: Ihre Landflächen werden zu monokulturellen Miniplantagen umgewandelt.

Um eine effiziente Produktion zu gewährleisten, ist jeder einzelne Arbeitsschritt auf den Tag genau vorgeschrieben und wird von den agrartechnischen Abteilungen der Unternehmen überwacht. Halten sich die Bauern und Bäuerinnen nicht an die Bewirtschaftungsvorschriften, sperrt die kreditgebende Bank in Absprache mit dem jeweiligen Unternehmen ihr Konto.10 Mit dem Restrukturierungsprozess der kleinbäuerlichen Landnutzung ist somit auch ein Disziplinierungsprozess verbunden, um die Bauern und Bäuerinnen zur „modernen Landwirtschaft“ zu „erziehen“.11

Eine moderne Vertragsbauernschaft, wie sie vom Palmölsektor befürwortet wird, ist jedoch mit dem Verlust angepasster, gemischter Bewirtschaftungs- und Überlebensstrategien sowie einer verstärkten Abhängigkeit vom Palmölsektor und dem Weltmarktpreis des international gehandelten Palmöls verbunden. Dieses Abhängigkeitsverhältnis wird verstärkt, weil ein Mischanbau nicht vorgesehen ist und zwischen Ölpalmen keine der regional üblichen Nutzpflanzen angebaut werden können. Außerdem legen die Unternehmen die Größenordnung der kleinbäuerlichen Produktion auf einheitliche zehn Hektar fest, um den Organisationsaufwand und die Transportkosten möglichst gering zu halten – obwohl die staatliche Kreditlinie für Kleinbauern und -bäuerinnen (PRONAF-Éco)12 auch kleinere Produktionseinheiten finanzieren würde. Dies kann in Zukunft zu einem Rückgang und zur Verteuerung der regionalen Nahrungsmittelversorgung führen, weil die Familien nicht ausreichend Land oder Arbeitskräfte für eine zusätzliche Produktion haben.

Die Neuordnung der kleinbäuerlichen Landnutzungsformen findet somit ausschließlich zugunsten des Palmölsektors statt, der die Kontrolle über die kleinbäuerlichen Landflächen und Arbeit übernimmt und gleichzeitig die Risiken der Produktion (Krankheitsbefall, Missernten), die Einhaltung der nationalen Umwelt- und Arbeitsgesetze sowie schwankende Weltmarktpreise auf die Bauern und Bäuerinnen überträgt, ohne selbst dafür Land kaufen oder sich an gesetzliche Mindestlöhne halten zu müssen. Die Bauern und Bäuerinnen geben somit mit der vertragslandwirtschaftlichen Inklusion in den Palmölsektor ihre Kontrolle über ihr Land und ihre Arbeit an den Palmölsektor ab, obwohl sie formal im Besitz ihres Landes bleiben.

Die Ölpalme schafft bereits durch ihre Pflanzung andere langfristige Fakten als beispielsweise eine weidende Viehherde. Palmölproduzenten und -produzentinnen sind über den Lebenszyklus der Ölpalme von mindestens 25 Jahren an den Sektor gebunden, denn die Umwandlung einer Palmölplantage in eine andere Nutzung ist aufwendig und teuer und deshalb für kleinbäuerliche Vertragsbetriebe keine Alternative. Die Gefahr ist deshalb groß, dass die Familien langfristig der Palmölproduktion nicht gewachsen sind und ihr Land an die Unternehmen verpachten oder verkaufen.

Damit würde ein schleichender Landnahme- beziehungsweise Verdrängungsprozess der kleinbäuerlichen Landwirtschaft einsetzen, wie er aus dem Zuckerrohr- beziehungsweise Ethanolsektor im Bundesstaat São Paulo bekannt ist (Repórter Brasil 2009b; Wilkinson & Herrera 2010; Borras & Franco 2012, 42; Mendonça et al. 2012, 38). Wie sich die vertragslandwirtschaftliche Einbindung der Bauern und Bäuerinnen langfristig entwickeln wird, ist jedoch ungewiss. Bisher bleibt die Zahl der Vertragsabschlüsse in Pará hinter den Zielen der Unternehmen, mit mehreren zehntausend Familien Verträge abzuschließen, zurück. Laut einer Mitarbeiterin des Unternehmens Vale sei es schwierig, „geeignete“ Familien zu finden, die genügend Land besitzen, Arbeitskräfte haben und kreditwürdig sind.13

Viele Bauern seien auch misstrauisch und wollten keinen Vertrag eingehen.14 Dies unterstreicht einerseits, dass die Inklusion der kleinbäuerlichen Landwirtschaft nicht ausgehend von den Bedürfnissen der Bauern und Bäuerinnen geplant und implementiert wird, sondern von den agrarindustriellen Anforderungen. Zum anderen deuten sich hier Praktiken des Widerstands seitens der kleinbäuerlichen Landbevölkerung an, die dem neuen Entwicklungsprojekt „Ölpalmplantagen“ kritisch gegenüberstehen.

[…]

1 Statt von Bio- ist im vorliegenden Artikel von Agrar-Kraftstoffen die Rede, weil deren landwirtschaftliche Rohstoffbasis mehrheitlich nicht biologisch, sondern in Monokulturen und agrarindustriell produziert werden.

2 Als traditionelle Gemeinschaften werden indigene oder andere Gemeinschaften oder Völker definiert, deren Wald- und Landnutzungsformen mit spezifischen Identitätskonzepten verbunden sind und deren Landnutzungsrechte über kollektive Landtitel rechtlich anerkannt sind.

3 Der Beitrag basiert auf einer qualitativen Fallstudie, die ich während meiner Promotionsarbeit im Rahmen des BMBF-geförderten Drittmittelprojekts „Fair Fuels?“ durchgeführt habe. In mehreren mehrmonatigen Aufenthalten in den Jahren 2010 und 2011 wurden über 80 Interviews und 13 Gruppengespräche mit Akteure und Akteurinnen aus Staat, Privatwirtschaft, Zivilgesellschaft und kleinbäuerlicher Gesellschaft in fünf Fallstudienregionen (Moju, Acará, Concórdia, Bujaru, Tomé-Açu) durchgeführt und mit grauer Literatur ergänzt.

4 Über das Proalcool-Programm förderte Brasilien vor dem Hintergrund der Ölkrise in den 1970er Jahren Ethanol auf der Grundlage von Zuckerrohr für Kraftfahrzeuge (Borges et al. 1984).

5 Information aus dem Agrarentwicklungsministerium MDA Januar 2014.

6 Interviews mit Ingenieuren von Vale 2010 und 2011 in Moju und Concórdia.

7 Interview mit einem Gewerkschaftsvertreter und drei betroffenen Familien im März und Juni 2011 in Acará.

8 Gruppeninterview im Mai 2011 mit den verbliebenen Familien in Bucaia sowie Einzelinterviews mit zwei Familien, die ihr Land verkauft haben, in Bujaru. Ähnliches berichten auch Forscher der Universität in Belém (Nahum & Malcher 2012).

9 Interview mit Mitarbeitern des Agrar-Entwicklungs-Ministeriums MDA im April 2011 in Brasília.

10 Interview mit einem Bankmitarbeiter der Banco da Amazônia im Mai 2011 in Belém und einer Mitarbeiterin von Vale im Mai und Juni 2011.

11 Aussage eines Bankbeamten der Banco da Amazônia in einem Interview im Mai 2011 in Belém.

12 PRONAF (Programa Nacional de Fortalecimento da Agricultura Familiar) ist ein nationales Programm zur Stärkung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. PRONAF-Éco hat zum Ziel, eine klima- und umweltfreundliche kleinbäuerliche landwirtschaftliche Praxis zu fördern.

13 Interview mit einer Mitarbeiterin von Vale im Mai 2011 in Moju.

14 Interviews mit einer Mitarbeiterin von Vale im Mai 2011 in Concórdia. Ähnliches schildert auch USDA (2013).

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