Fußball und Klimaschutz

Grün ist oft nur der Rasen

Die Fußball-WM in Katar soll klimaneutral sein, behaupten die Ausrichter, doch das ist mit Blick auf die CO2-Bilanz mindestens fragwürdig. Auch über das umstrittene Turnier hinaus sind die Mechanismen des modernen Profifußballs mit echtem Klimaschutz nur schwer zu vereinbaren.
Von:  Tim Altegör
28.11.2022 | 9 Min.

Dieser Artikel ist zuerst in der Ausgabe 12/2022 von neue energie erschienen.

Nun ist sie also da, die Fußball-Weltmeisterschaft im autokratischen Wüstenstaat Katar. Im Winter, weil es dort sonst viel zu heiß wäre. Nach Berichten über ausgebeutete Gastarbeiter, die auf den WM-Baustellen gestorben sind – wie viele genau, können Menschenrechtsorganisationen nur schätzen. Ohne Regenbogen-Symbolik auf Kapitänsbinden, weil Homosexualität in Katar verboten ist und der Weltfußballverband Fifa das Gastgeberland nicht brüskieren will.

Aber dafür wird diese WM erstmals vollkommen klimaneutral – das jedenfalls versprechen die Fifa und Katar als gemeinsame Ausrichter des Turniers. Dabei übertreffen die Treibhausgas-Emissionen dieser WM die vorherigen Turniere bei Weitem. Die vorab veröffentlichte, also geschätzte Klimabilanz beziffert die Gesamtemissionen auf 3,6 Millionen Tonnen CO2, mehr als teilweise ganze Länder im Jahr verbuchen. Bei der WM 2018 in Russland waren es nach Fifa-Angaben knapp 2,2 Millionen, davor 2014 in Brasilien 2,7 Millionen Tonnen.

Um trotz dieser Emissionsmenge ein klimaneutrales Turnier zu veranstalten, planen die Organisatoren, im großen Stil Zertifikate aus Klimaschutzprojekten zu kaufen und dagegen aufzurechnen. Solche Kompensationen sind umstritten, weil die tatsächlichen CO2-Minderungen häufig fraglich sind. Für die WM wird nun kein anerkannter Standard genutzt, vielmehr hat die mit Katar eng verbundene Gulf Organisation for Research and Development einen eigenen geschaffen, das „Global Carbon Council“ (GCC).

Zum Turnierstart waren beim GCC sechs Projekte aufgenommen, die meisten davon für Solar- oder Windparks in Serbien, Indien und der Türkei. Solche Projekte würden sich normalerweise nicht mehr für Kompensationen qualifizieren, kritisierte die Klimaorganisation Carbon Market Watch bereits im Mai. Ihre Finanzierungskosten seien derart gesunken, dass sie auch ohne die Zahlungen gebaut werden könnten – die also zum Klimaschutz nichts beitragen.

Sieben neue Stadien in Katar

Die Analyse von Carbon Market Watch erhebt weitere Einwände gegen die Klimaberechnungen zur WM, beginnend schon bei der Bilanzierung. Mit mehr als 1,8 Millionen Tonnen sind darin Reisen der größte Brocken, vor allem die Anreise von Fans aus aller Welt. Bei der Infrastruktur schlagen für Strukturen, die während der WM temporär genutzt werden, rund 650 000 Tonnen zu Buche, der Löwenanteil für das neue Stadion Ras Abu Aboud. Es besteht zu einem großen Teil aus Schiffscontainern und soll komplett demontierbar sein, um es anderswo wieder aufzubauen.

In Katar mussten von acht WM-Stadien sieben neu gebaut werden, weil das kleine Land mit Fußball eigentlich wenig zu tun hat. Für die übrigen sechs Stadionneubauten stehen in der Bilanz aber gerade einmal 4500 Tonnen. Denn angerechnet sind nur 70 Tage ihrer angenommenen Lebensdauer, an denen die WM und ein paar andere, kleinere Fifa-Turniere stattfinden. Die Ausrichter behaupten, dass alle Stadien danach sinnvoll weitergenutzt werden sollen. Manche sollen als Spielort für örtliche Fußballclubs oder das bislang wenig aktive katarische Frauen-Nationalteam dienen, die allerdings wohl kaum die riesigen Stadien füllen werden, auch wenn die Bestuhlung nach der WM reduziert werden soll.

Aber auch eine Hotelanlage und eine medizinische Einrichtung sollen in den Bauten ihren Platz finden. „Insgesamt ist es sehr schwierig, die Glaubwürdigkeit der Nachnutzungspläne einzuschätzen“, schreibt Carbon Market Watch. Ohne die WM wären wohl kaum derart viele neue Stadien gebaut worden, zumal in einem engen Umkreis rund um die Hauptstadt Doha. Und selbst wenn die Ankündigungen zuträfen, sei es fraglich, ob Fußballstadien für die angekündigte Nutzung optimal geeignet seien. Die Analyse empfiehlt daher, die Baukosten voll anzurechnen – grobe Schätzung: insgesamt zwei Millionen Tonnen CO2 allein dafür.

Und das wiederverwertbare Stadion sei auch nur dann eine gute Sache, wenn es tatsächlich mehrfach zum Einsatz kommt, da die Konstruktion erst einmal mehr CO2 erzeuge als ein herkömmlicher Bau. Die Nachhaltigkeits-Zertifizierung der Stadien übernimmt übrigens ebenfalls die Gulf Organisation for Research and Development. Im Endeffekt hält der Bericht das Klimaversprechen der WM für „nicht glaubwürdig“. Das Vorgehen könne Fußballfans und Bürger irreführen, indem es eine bessere Bilanz vorspiegle als tatsächlich der Fall.

Einige Fußballprofis engagieren sich für Klimaschutz

Mittlerweile regt sich dagegen auch Widerstand aus der Fußballwelt. In einem offenen Brief an die Fifa-Leitung forderten einige Profis vor dem Turnier eine echte Emissionsminderung und den Verzicht auf die Behauptung, klimaneutral zu sein. Diese basiere auf „fehlerhaften CO2-Kalkulationen, fragwürdigen Kompensationspraktiken“ und werde als Ablenkung von der Kritik an Menschenrechtsverletzungen in Katar genutzt.

Die großen Namen des Sports finden sich allerdings nicht unter den Unterzeichnerinnen. An erster Stelle steht dort der Norweger Morten Thorsby. Thorsby hat die Organisation „We Play Green“ ins Leben gerufen, die sich für Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Fußball einsetzt. Er spielt seit einiger Zeit mit der für einen Mittelfeldspieler ungewöhnlichen Rückennummer 2, um für das Minimalziel des Pariser Abkommens zu werben, die Erderhitzung auf deutlich unter zwei Grad zu halten.

Weitere Beteiligte sind etwa die beiden Fußballerinnen Sofie Junge Pedersen und Emilie Bølviken, den bekanntesten Namen trägt der seit Kurzem als Botschafter für die Initiative aktive Brasilianer Marcelo Vieira, ehemals Spieler beim Großclub Real Madrid. Zu Beginn seines Engagements vor einigen Jahren sei er mit seinem Anliegen bei Teamkollegen und Clubs kaum durchgedrungen, sagte Thorsby 2021 dem US-Sender CNN. Das ändere sich aber gerade zunehmend. Wenn man die Botschaft an Milliarden Fußballfans weltweit sende, „könnte das einen großen Unterschied machen“.

Bei einigen im zuweilen abgehobenen Fußballgeschäft ist die Botschaft allerdings noch nicht angekommen. Im September bekamen Frankreichs Superstar Kylian Mbappé und sein Trainer bei Paris Saint Germain, Christophe Galtier, bei einer Pressekonferenz die Frage gestellt, wieso das Team die Kurzstrecke nach Nantes per Flug zurückgelegt hatte. Galtier riss daraufhin Witze, Mbappé kugelte sich vor Lachen auf dem Podium.

Schweigeminute fürs Klima und Privatjet-Flüge

Häufig tun sich beim Klimaschutz im Profifußball noch enorme Widersprüche auf, auch wenn sich insgesamt etwas bewegt. Im Herbst 2021 organisierten die beiden Londoner Teams Chelsea und Tottenham Hotspur zusammen mit dem Fernsehsender Sky ein CO2-neutrales Fußballspiel. Beim „Game Zero“ kamen 100 Prozent Ökostrom, deutlich mehr vegetarisches Essen im Stadion und Biodiesel im Mannschaftsbus zum Einsatz. Dieses Jahr im August war dann zu lesen, dass englische Clubs, darunter Chelsea, einen Mangel an verfügbaren Privatjets für die Auswärtsspiele beklagten.

In Deutschland gab es in dieser Saison in der ersten Runde des DFB-Pokals vor den Partien eine Schweigeminute für den Klimaschutz. Die Auflagen sehen dennoch vor, dass auch am helllichten Tag das Flutlicht angeschaltet sein muss, um Schatten bei der Fernsehübertragung zu vermeiden. Die Fifa empfiehlt Fans, weniger mit dem Flugzeug zu reisen – bei der WM in Katar sind aber zahlreiche Shuttleflüge aus Nachbarländern geplant, weil es in Doha nicht genug erschwingliche Hotelzimmer gibt. Auch der Fanclub der deutschen Nationalmannschaft fliegt für die Spiele aus Dubai ein.

Im Hintergrund steht ein System, das mit ambitioniertem Klimaschutz kaum vereinbar scheint und über die WM weit hinausreicht. Der Kalender der Teams wird seit Jahren immer voller, entsprechend wertvoll ist jede Stunde zur Regeneration, die mit dem Umstieg vom Bus aufs Flugzeug erkauft werden kann. TV-Rechte sichern einen Großteil der Finanzierung, weswegen die Bilder gut sein sollen und Spielausfälle vermieden.

Ab der dritten Liga ist in Deutschland eine Rasenheizung Pflicht, unbespielbare Plätze wegen Schneefall sind damit Vergangenheit. Mit dem Klimawandel kriegt der Fußball da allerdings ein neues Problem. In seinem Bericht „Playing against the clock“ beschreibt der britische Soziologe und Journalist David Goldblatt die umfassenden Folgen für die gesamte Sportwelt. Unter anderem müssten zahlreiche Fußballstadien bis 2050 mit regelmäßigen Überschwemmungen rechnen.

Fossilunternehmen als Sponsoren

Zunehmend wichtig für die Finanzen im harten Wettbewerb sind für Fußballclubs auch die internationalen Märkte. Und so reisen während der WM die verbliebenen Nicht-Nationalspieler mit ihren Vereinen ebenfalls in der Weltgeschichte herum, treffen sich zum Beispiel die Erstligisten Stuttgart und Köln zu einem Duell in den USA. Andere Bundesligavereine sind auf Asienreise. Der spanische Supercup zwischen den besten Teams der Vorsaison wird neuerdings in Saudi-Arabien veranstaltet. Es geht auch andersherum: Gerade absolvierte die US-Footballliga NFL ein Spiel in München.

Zudem nimmt der Profifußball gerne Geld von Fossilunternehmen sowie Öl- und Gasstaaten. Paris, der Club von Galtier und Mbappé, gehört zum Beispiel dem katarischen Staatsfonds. Bei Manchester City ist es Abu Dhabi, bei Newcastle United Saudi-Arabien. Qatar Airways sponsort die WM genauso wie den deutschen Rekordmeister Bayern München. Die langjährige Werbepartnerschaft des europäischen Fußballverbands mit Gazprom endete in diesem Jahr beim russischen Einmarsch in die Ukraine.

Es gibt auch positive Beispiele. In England haben sich die drittklassigen Forest Green Rovers dem Klimaschutz verschrieben, mit E-Bussen, recycelten Trikots, Solarstrom und ausschließlich veganem Essen. In Deutschland betreiben laut einer Umfrage der Liga 56 Prozent aller Erst- und Zweitligisten eine eigene Solaranlage und 72 Prozent arbeiten an Energieeinsparungen. Der Verzicht aufs Flutlicht bei Tag wird mittlerweile zumindest getestet. Einige Vereine haben die UN-Initiative „Sports for Climate Action“ unterschrieben, die unter anderem Klimaneutralität bis 2040 einfordert, darunter der 1. FC Köln und der VW-Club VFL Wolfsburg – allerdings auch die Fifa und der Autorennverband FIA.

Nachhaltiger Amateurverein in Berlin

Einige Ligen tiefer unterwegs ist der FC Internationale Berlin, ein Amateurfußballclub im Stadtteil Schöneberg. Der Verein engagiert sich seit der Gründung 1980 für Frieden und gegen Rassismus, und seit 2020 auch für Nachhaltigkeit. Startschuss sei die Gründung einer 15-köpfigen AG gewesen, sagt Anton Klischewski, der das Thema hauptamtlich im Verein betreut. Im April 2021 wurde der FC Internationale als erster Amateurverein in Deutschland nach dem „Standard Nachhaltiger Wirtschaften“ zertifiziert. Dabei half, dass sich ein AG-Mitglied mit solchen Zertifizierungen von Berufswegen auskannte.

Der Verein beschafft beispielsweise faire und ökologische Textilien, bemüht sich um regionales Bio-Essen, recycelt seine kaputten Tornetze. In puncto Klimaschutz hat er seine direkten Emissionen gemessen, gesenkt und den Rest von knapp fünf Tonnen kompensiert. Im nächsten Schritt sind nun die indirekten Emissionen dran, das Verkehrsverhalten der Mitglieder wird derzeit erhoben. Mit Bildungsformaten wie Workshops und Nachhaltigkeitstagen versucht der Verein, auch darauf Einfluss zu nehmen. „Mein größtes Ziel wäre, dass es dauerhaft Teil des Trainingsplans wird“, sagt Klischewski.

Er als Hauptamtlicher sei schon ein Luxus für den Verein, die Arbeit auch so kompliziert genug. Bei der Umstellung des alten Flutlichts auf LED stelle sich zum Beispiel der Bezirk quer, weil das hellere Licht laut eines Gutachtens den Insektenflug störe. Um den neuen Kunstrasen mit Korkfüllung statt Mikroplastik genehmigt zu bekommen, habe der Vorstand „ein, zwei Jahre lobbyiert“. Bislang sei der FC Internationale eher Vorreiter als Teil einer Bewegung, sagt Klischewski, dabei gebe er sein Wissen gerne weiter.

In diesem Jahr habe der Verein aus dem Berliner Südwesten bereits vier Preise für sein Engagement bekommen. „Natürlich ist das schön, aber irgendwann müssen wir in die Breite kommen.“ Für die WM in Katar ruft der FC Internationale zum Boykott auf, auch Klischewski will nicht einschalten. Die Probleme im Profifußball gingen aber weit über das Turnier hinaus, findet er. Die Frage sei: „Gibt es jetzt einen Bruch, oder machen wir danach weiter wie gehabt?“

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