Goldküste am Schwarzen Meer

Gebraucht: Nicht mehr an der Nordsee, sondern am Schwarzen Meer steht diese NEG Micon.

An Rumäniens Küste sind die windigsten Grundstücke schon vergeben. Jetzt suchen die Landkäufer erfahrene Investoren um die ersten Windparks zu bauen. Eine Reise an die Goldküste.

Text und Foto: Marcus Franken

 

Auf der Motorhaube des schwarzen Geländewagens liegt die große Gemarkungskarte. Feine Linien teilen das weiße Papier in Dutzende schmaler Grundstücke und Kreise. Etliche dieser Felder gehören Gheorghe Tripon und Darius Nath. „Wir sind jetzt etwa zehn Kilometer vom Donau-Delta entfernt“, sagt Tripon und sieht durch seine Sonnenbrille Richtung Norden. Vor dem Chef der Firma Green Energy Group SA breiten sich frisch bestellte Getreideäcker aus, der Wind kämmt die wadenhohen Halme. Weit und breit gibt es weder Wälder noch scharfe Erhebungen.

Tripon und sein Freund Darius Nath haben den Wagen auf einem winzigen Feldweg zwischen den Äckern angehalten, um ihr Reich in Augenschein zu nehmen. Im Norden sehen sie über blühende Rapsfelder hinweg bis zu einem kahlen Hügel, hinter diesem liegt das Delta der Donau. Im Süd-Westen fällt das Land sanft ab und in der Sonne glitzert das Wasser der Razim-Bucht. Dahinter liegt das Schwarze Meer. Man sieht es nicht, aber spürt im Wind seine Nähe.

Die sanften Erhebungen nahe der kleinen Stadt Tulcea sind der nördlichste Ausläufer des Dobrudscha-Massivs, das sich die Schwarzmeerküste Rumäniens entlangzieht und hier im Donau-Delta versumpft. Der Boden ist an geschützten Stellen warm und fruchtbar. Doch die Erhebungen sind karg, ausgewaschen von Wind und Regen, Felsen dringt durch die dünne Erdschicht. Die Dobrudscha ist eine der ärmsten Gegenden Rumäniens und kaum besiedelt. Nur an Sonne und Wind ist die Küste reich. Das hat sich herumgesprochen.

 

Landkäufe im großen Stil

Darius Nath hat den Motor des massigen Nissan Navara angelassen. Luftgefedert fegt er mit 80 Stundenkilometer den Feldweg runter und an einem Bauern vorbei, der auf einem Pferdekarren entgegenkommt. Hinter der nächsten Kuppe taucht ein halbhoher Stahlturm auf, wie ein Ausrufezeichen in der Landschaft. „Wir haben hier Tausend Hektar Land gekauft“, ruft Nath über die Schulter und lenkt den Wagen den Hügel hinauf. Tausend Hektar Land mit den besten Windbedingungen, die Rumänien zu bieten hat.

An der gesamten Küstenlinie von Constanta an der bulgarischen Grenze über Tulcea am Donau-Delta und rund 100 Kilometer landeinwärts bis zur Stadt Bra˘ila herrscht Goldgräber-Stimmung. „Ich habe im vergangenen Jahr nichts anderes gemacht als Land zu kaufen“, sagt Darius Nath und stoppt den Wagen unter dem halbfertigen Turm. Über 500 Verträge hat er mit den Besitzern der oft winzigen Parzellen geschlossen. Im Gras liegt die Nabe eines Windrades mit den Rotorblättern wie ein riesiger Stern. „Das gehört mir.“ Dass der Aufbau gerade nicht vorwärtsgeht, stört ihn nicht. Der Kran ist nicht gekommen, aber Nath ist zuversichtlich. Normalerweise exportieren die Brüder Darius und Dacian mit ihrer Firma Blueline Türen, Fenster und Plastikmöbel nach Deutschland. Auf einer ihrer Reisen haben sie erkannt, welche Chancen die Windkraft bietet. Seitdem lassen sie das Türen- und Bänke-Geschäft schleifen und stecken ihre Kraft, wie bisher 300.000 Euro, in den Kauf von billigem Ackerland.

In Rumänien ist solche Wendigkeit nichts besonderes. Viele junge Rumänen versuchen, mit irgendeiner Art von „Business“ reich zu werden: In der Hauptstadt Bukarest gibt es eine dünne Schicht von Privatisierungsgewinnern der Nach-Wende-Zeit, die jeden Abend ihre Porsche-Cayennes und Audi A8 vor den angesagten Cafes vorfahren. Gleichzeitig entstehen Tausende kleine Dienstleistungsfirmen vom halb-privaten Autoverleih bis zu Maklerbüros. Angeblich investieren viele Briten in den Immobilienmarkt der Hauptstadt. In Rumänien ist der Osten noch wild.

Und auch die Windenergie gilt als Business mit besten Aussichten: „Inzwischen sind hier so viele Firmen auf der Suche nach Land, dass sich die Preise verdoppelt haben“, sagt Darius Nath. Die besten Stücke sind vergeben. Jetzt soll der Aufbau der Windräder beginnen.

 

Nur dürftige Winddaten

Dabei gilt Rumänien unter Experten als das rückständigste Windland in Europa. Zu arm um den Windstrom zu bezahlen, lautet eines der verbreiteten Vorurteile. Und aus Rumänien selbst fließen die Informationen nur spärlich: Die Windbranche in Rumänien posaunt ihren Optimismus nicht laut hinaus. Zum Beispiel Christian Tânta˘reanu. Der Ingenieur ist Vorsitzender und Gründer des rumänischen Windenergieverbandes Enero, der einzige europäische Verband ohne eigene Internetseite. Sein Büro im Norden von Bukarest liegt versteckt in den oberen Stockwerken eines der wenigen Altbauten in dieser Stadt aus Plattenbauten und gigantischen Regierungspalästen. Im Büro hängt ein Bild eines alten rumänischen Windrades aus der Zeit der Kommunisten: „Ceaus¸escu war verrückt nach Autarkie“, sagt Tânta˘reanu. Er selber war vor der rumänischen Revolution Ingenieur beim staatlichen Energieinstitut Icemenerg. Für „Ceaus¸escu sollten die Techniker die Energie des Windes nutzen und bauten dem Diktator in den Bergen vier Maschinen mit einer Leistung von je 300 Kilowatt. „Monster“, nennt Tânta˘reanu die Anlagen. Da „Ceaus¸escu seinen Ingenieuren nicht nur die Auslandreisen verbat, sondern auch den Einkauf von Material, mussten sie Rotoren aus Stahl bauen statt aus Glasfaser: Darum waren die Anlagen so schwer wie die Wachtürme mittelalterlicher Festungen, sie standen meist still und wurden bald wie der abgerissen. Außer in Tânta˘reanu Büro sind sie inzwischen vergessen.

Doch schon drei Jahre nach der Wende war Tânta˘reanu am Icemenerg damit betraut, eine neue Windkarte zu erstellen. Sie ist bis heute die einzige Übersicht für Windplaner: Auf den Gipfeln der Karpaten im Zentrum Rumäniens und am Dobrudscha-Massiv liegen die Windgeschwindigkeiten laut dieser Karte zwischen sieben und elf Metern je Sekunde. Guter Wind an der Küste und auf den Gipfeln der Berge - kaum eine überraschende Erkenntnis. „Das beruht alles auf meteorologischen Daten in 50 Metern Höhe, und die sind sehr ungenau“, sagt der Schöpfer der Karte. „Einen brauchbaren Windatlas für Rumänien gibt es bis heute nicht“, lautet sein ernüchterndes Fazit. Darum stellen Windgutachter aus ganz Europa jetzt ihre Messmasten auf. Geschwindigkeiten zwischen sechs und sieben Metern seien zu erwarten. Andere Windgutachter rechnen mit höheren Werten. Genaueres will der Chef des rumänischen Windverbandes nicht verraten. Denn er betreibt neben dem Lobbyverband ein Fünf-Mann-Ingenieurbüro und bietet seine Dienste Investoren an. „Die Daten sind geheim“, schließt er kategorisch.

 

Zertifikatesystem: Bislang ein Papiertiger

Auch noch ein wenig geheim sind die Konditionen, zu denen man in Rumänien seinen Windstrom verkaufen kann. Versorger müssen einen steigenden Teil ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen selbst erzeugen oder grüne Zertifikate kaufen. In diesem Jahr soll die Quote bei 3,74 Prozent liegen und dann bis 2010 auf 8,3 Prozent steigen. Für die Zeit nach 2012 gibt es aber noch keine Regelung. „Die treibende Kraft hinter dem Ausbau der erneuerbaren Energien sind die Vorgaben der EU“, sagt Tânta˘reanu. Außerdem braucht Rumänien neue Kraftwerke: Zwar hat das Land mit mehr als 20 Gigawatt die größte installierte Kapazität zur Stromerzeugung in Südosteuropa und exportiert jedes Jahr 3.000 Gigawattstunden (GWh). Doch vier von fünf Kohlekraftwerken sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und müssen ersetzt werden.

Für die 2004 eingeführten grünen Zertifikate hat die Regierung eine Spanne zwischen 24 und 42 Euro je Megawatt Stunde (MWh) festgelegt. Den Strom ihrer Anlagen können Windradbesitzer zusätzlich verkaufen, sei es an der Börse oder direkt an einen Kunden. Der Preis an der Börse liegt bei 35 bis 40 Euro je MWh. Zusammen ließen sich also knapp 70 Euro je MWh erzielen. Bisher hat die Regierung die Stromversorger jedoch nicht gezwungen, die Zertifikate einzukaufen. Dennoch sind die meisten Investoren zuversichtlich, dass der Handel in Schwung kommt. Außerdem hoffen sie, bis zu 50 Prozent ihrer Investitionen über EU-Fördergelder zu bestreiten. 32 Milliarden Euro hat die EU Rumänien als Aufbauhilfe bis 2013 zugesagt. Das Geld soll vor allem in Infrastruktur, aber auch in saubere Energie fließen. Subventionen, Stromvergütung und ein guter Wind: Das macht die rumänische Schwarzmeer-Küste zur Goldgrube für Windinvestoren.

20 Messmasten hat allein Tânta˘reanu entlang der Schwarzmeerküste gezählt. Darunter sind relativ kleine Pfosten, aber auch die hohen rot-weiß gestrichenen Fachwerktürme deutscher Windgutachter. Tânta˘reanu ist davon überzeugt, dass dort, wo die Messmasten stehen, auch Windräder gebaut werden. Die ersten Anlagen stehen schon – es sind gebrauchte Maschinen aus deutschen und dänischen Repowering-Projekten: Eine 500 kW-Anlage von Nordtank und eine alte Maschine von Nordex stehen auf einem Hügel bei dem Dorf Baia. Der Wind ist hier so stark, dass sich auf dem kahlen Hügel nicht mehr als ein paar Moose und dürre Kräuter halten. Die Nordex-Turbine ist mit einer Leistung von einem Megawatt zurzeit das größte Windrad des Landes. Und der Eigentümer soll mehr als glücklich sein mit seiner Investition: Das gebrauchte Windrad, an dem noch der Aufkleber des Sachverständigen-Büros 8.2 AG pappt, werde seine Kosten binnen drei Jahren wieder einspielen, munkeln Experten. Der Wind auf dem Hügel ist grandios. Aber auch in der endlosen Ebene zwischen Bukarest und Constanta, der Walachei, geht die Luft nach Angaben deutscher Windberater gleichmäßig und stark. Gheorghe Olteanu, der heutige Chef des Energieforschungs-Zentrums Icemenerg, schätzt das rumänische Windpotenzial darum auf bis zu 7.000 MW.

 

Erste Anlagen aus Repowering-Projekten

Allerdings freuen sich nicht alle über die Windkraft-Euphorie. In Tulcea, der Stadt am Delta der Donau, sitzt Sibille Gasser in der wärmenden Sonne eines kleinen Cafes. Gasser ist Mitte 20, auf ihrem grünen Kapuzen-Shirt steht in großen Buchstaben „Little Big“. Sie arbeitet für den Umweltverband Eco Pontica und hat jetzt den Bildschirm ihres Laptops in den Schatten gedreht. Mit leichten Kopfbewegungen deutet sie auf verschiedene Punkte des Monitors. Die elektronische Karte der Schwarzmeerküste sieht aus, als hätte sie Masern. Rote Flecken symbolisieren Dutzende geplante Windparks: „Hier soll überall gebaut werden“, sagt Gasser. Sie spürt für Eco Pontica Bauplanungen an der Schwarzmeerküste auf und weiß nicht nur, wer wo bauen will. Sie weiß auch, welche Bauherren am Rande eines der größten Vogelschutzgebiete Europas mit Genehmigung bauen – und welche ohne.

Der Küstenstreifen am Schwarzen Meer zieht jedes Jahr unzählige Vögel an. Die so genannte „Via Pontica“ ist der Flaschenhals, durch den die Tiere auf ihrem Zug von Nordeuropa nach Afrika müssen, allein 250.000 Störche kommen hier jedes Jahr durch. Außerdem ist das Donau-Delta Teil des Weltnaturerbes und Brutgebiet Tausender Vogelarten. Die Ornithologen an der bulgarischen und rumänischen Küste des Schwarzen Meers protestieren darum heftig gegen die Pläne der Wind-Investoren. „Die Anlagen in Baia wurden ohne Genehmigungen gebaut“, klagt Sibille Gasser. Die Umweltbehörden fordern solche Nachweise bisher kaum ein und haben auch keine Eignungsflächen für die Windkraft ausgewiesen. Gebaut werden darf überall, wo es nicht explizit verboten ist, etwa im Donau-Delta selbst. Wenn die Investoren erwischt werden, müssen sie die Bauarbeiten stoppen und Strafen zahlen. Das hat auch Alexandru Salantã erfahren.

Es ist eng in der Gondel der alten Nordtank-Maschine. Doch Jörg Bukowsky grüßt vergnügt mit einem breiten „Moin“. Von hier oben kann er über das Tal der Donau hinweg die Schornsteine der Stadt Bra˘ila sehen. Der deutsche Techniker arbeitet seit 14 Jahren auf Windrädern und hilft auch der Gebepro mbH aus Niebüll, ihre nach Rumänien verkauften Anlagen in Betrieb zu nehmen. Der Käufer Alexandru Salantã steht am Fuß der Anlage. „Naja“, gibt der Mittfünfziger zu, „wir haben auch erst gebaut und dann die Genehmigungen bekommen.“ Die Behörden haben es als Kavaliersdelikt verbucht, ihm eine Strafe und einen Baustopp aufgebrummt, bis er die nötigen Umweltgutachten nachgeliefert hat. Dem Vernehmen nach hat ihn das 13.000 Euro gekostet. Eine erträgliche Summe im Vergleich zu den 500.000 Euro, welche die Anlage samt Lieferung und Aufbau gekostet hat. Salantã ist der Prototyp eines Kleininvestors. Er hat das Windrad über einen Kredit auf sein Kabelunternehmen in Bistrita im Norden Rumäniens finanziert. Und er ist sich so sicher, dass sein Windrad sich rentiert, dass er von der Gemeinde Jijila schon den Platz für eine zweite Anlage gepachtet hat.

 

Europas Versorger auf Landschau

Doch die Zeit der kleinen Investoren und ihrer gebrauchten Anlagen könnte schon bald vorbei sein. Allein die Schweizer NEK Umwelttechnik AG hat sich Land am Rande der Hafenstädte Constanta und Midia sowie im Dobrudscha-Massiv gesichert, auf dem laut Inhaber und Geschäftsführer Christoph Kapp mehr als 1.500 MW gebaut werden können. „Die Windgeschwindigkeiten sind noch besser als wir gedacht haben. Wir messen seit 2,5 Jahren und sehen gut sieben Meter im Schnitt.“ Viele große Energiefirmen, das sagt nicht nur Kapp, sind auf der Suche nach Land für Projekte. Die portugiesische Martifer, Großaktionär des Turbinenbauers Repower Systems, soll sich um Land bemühen. Iberdrola will Standorte für sich. Offiziell verkündet sind bisher aber nur die 25 MW, die der italienische Stromkonzern Enel bauen will. Auch Enel ist aber auf der Suche nach mehr.

„Allein auf unserem Gebiet könnte man 200 MW Windkraft installieren“, schätzt Gheorghe Tripon. Insgesamt haben er und die Brüder Nath 13 gebrauchte Anlagen in Deutschland und Dänemark gekauft. Vier Anlagen stehen inzwischen und wie Sibille Gasser bestätigt, mit allen notwendigen Genehmigungen. Auch die restlichen neun wollen die Naths und Tripon ohne Fremdkapital und aufwändige Windmessungen errichten. „Aber wir sind Greenhorns“, sagt Gheorghe Tripon. In Zukunft wollen die drei das Land entweder verkaufen oder sich mit erfahrenen Firmen teilen.

Vieles ist in Rumänien erst am Anfang. Den Service und die Montage muss jeder Windmüller sich noch selbst organisieren. Und für Anlagen mit mehr als ein MW Leistung gibt es noch keine Kräne im Lande. Aber in Tripons Büro in Bukarest treffen seit April fast täglich Interessenten ein, die der Wind lockt. Und die Stromkonzerne aus Spanien, Italien und Portugal stehen Schlange. Nur deutsche Investoren findet man in Rumänien kaum, wundern sich die Entwickler.