Der Faktor Zehn

Die deutsche Windkraftbranche hat sich in den vergangenen zehn Jahren zur Hightech-Schmiede entwickelt. Wertschöpfung, Arbeitsplätze und installierte Leistung wurden um das Zehnfache gesteigert. Kaum ein Wirtschaftszweig kann auf eine solche Erfolgsgeschichte zurückblicken.
Text: Nicole Weinhold, Foto: Jens Meier
Alle haben sich geirrt. Glühende Fans ebenso wie erbitterte Gegner. Niemand hatte der Windenergie in Deutschland vor zehn Jahren zugetraut, dass sie sich so rasant entwickeln würde. Die 1996 gehandelten Ausbauszenarien prognostizierten für 2005 zwischen 1.600 Megawatt (MW) und 5.500 MW installierter Windkraftleistung (siehe Seite 28). Der Anteil am Strommix wurde auf höchstens 2,2 Prozent geschätzt. Fakt ist: Mitte dieses Jahres waren 19.299,47 MW am deutschen Stromnetz. Der Anteil am potenziellen Jahresenergieverbrauch liegt nach Angaben des Deutschen Windenergie-Instituts (Dewi) bei 6,8 Prozent.
„Wir haben nicht mit dieser rapiden technologischen Entwicklung gerechnet“, begründet etwa Felix Matthes vom Ökoinstitut Freiburg die Fehleinschätzung der Forscher. Man sei damals davon ausgegangen, dass sich die Leistung von Windenergieanlagen bei 600 Kilowatt (kW) einpendeln würde. Zum Vergleich: Heute schafft die leistungsfähigste Anlage hierzulande genau das Zehnfache. Binnen einer Dekade hat es die deutsche Windbranche geschafft nicht nur diesen, sondern fast alle Kennzahlen um einen ähnlichen Faktor zu steigern.
Rapide Entwicklung unterschätzt
Vor zehn Jahren deutete sich bereits an, wohin die Reise geht: Zwar lag 1996 die durchschnittliche Leistung einer Turbine bei 500 kW, doch einige Windschmieden stellten im gleichen Jahr bereits Prototypen der 1,5-MW-Klasse auf: Die Enercon GmbH baute ihre E-66, Nordtank die NTK 1500/60 und Tacke die TW 1.5, in Dänemark feilte Vestas an der V63. Maschinen dieser Größenordnung sollten wenige Jahre später den Windmarkt dominieren.
Inzwischen liegt die durchschnittliche Leistung neuer Anlagen bei 1,8 MW. Das ist weltweit nicht nur der höchste Durchschnittswert, nirgends sonst werden so leistungsfähige Maschinen erprobt wie in Deutschland: Enercon hat bereits mehrere Dreiflügler mit sechs MW aufgestellt. Das entspricht der dreihundertfachen Leistung der ersten netzgekoppelten Windkraftanlage in Deutschland, einer Lagerwey mit 20 kW. Gerade hat die Repower Systems AG ihre 5M, eine Fünf-MW-Turbine, in 45 Meter tiefes Wasser vor der Küste von Schottland gestellt. Schon träumen deutsche Turbinendesigner von der Zehn-MW-Maschine (neue energie 4/2006). Das Trauma Growian, der gescheiterte Bau einer Multimegawatt-Turbine, wurde überwunden.
Das Experiment aus den Achtzigern beurteilen viele heute gar als gezielten Schlag gegen die Windkraftbranche. Verkündete doch der damalige RWE-Vorstand Günther Klätte 1982 vor der Montage der Drei-MW-Turbine: „Wir brauchen Growian um zu beweisen, dass es nicht geht.“ Klätte sah in der Großanlage „ein pädagogisches Modell, um Kernkraftgegner zum wahren Glauben zu bekehren“. Dass sich die Stromversorger auch neue Anbieter vom Leib halten wollten, zeigte sich an deren empörter Reaktion, als der Gesetzgeber im Jahr 1991 – sieben Jahre vor Beginn der Energiemarkt-Liberalisierung – ihr angestammtes Terrain ein kleines Stück aufbrach.
Einspeisungsgesetz manifestiert Erfolg
Von diesem Zeitpunkt an garantierte das Stromeinspeisungsgesetz den Windkraftbetreibern 90 Prozent des damaligen Durchschnittspreises für die Kilowattstunde Strom. „Offensichtlich ist es aber den EVUs geradezu ein Dorn im Auge, daß ihnen (…) von den ungeliebten privaten, dezentralen und umweltgerechten Stromerzeugern immer mehr Konkurrenz erwächst“, merkte Peter Ramsauer (CSU) 1995 bei einer Bundestagssitzung an. „Offensichtlich“ weil die Versorger verschiedene Versuche unternahmen, das Gesetz auszuhebeln. Preußen Elektra etwa klagte bis zum Europäischen Gerichtshof – letztlich ohne Erfolg.
Einen Teilerfolg konnten die Konzerne aber verbuchen. Zwischen 1995 und 1997 entwickelte sich die Windkraft in Deutschland eher zögerlich. Die Branche war verunsichert. Doch als Ende der Neunzigerjahre im Rahmen einer Novelle des Baugesetzbuchs die Privilegierung von Windkraftprojekten festgeschrieben wurde, löste das einen Schub aus. Und der brachte zugleich eine neue Investorenklientel mit sich. Hatten in den Anfangsjahren vor allem Landwirte und Anwohner in die Rotoren investiert, wurden nun Anleger aus ganz Deutschland zu Teilhabern – durch die Finanzierung der Windparks über geschlossene Fonds.
Nicht alle reagierten positiv auf diese Form der Volksbeteiligung. „Wir werden alles dafür tun, daß Sie an Ihrer umweltzerstörenden Kommanditeinlage keine Freude haben“, drohte etwa Rechtsanwalt Thomas Mock Windkraftkommanditisten im Jahr 1998. Mock saß zu dieser Zeit im Bonner Vorstandsbüro der Vereinigten Aluminiumwerke. Die damalige Tochter des Energiekonzerns Viag ist heute im Besitz der norwegischen Norsk Hydro.
Nach viel Kampf und Streit um Gesetze und Vergütung wendete sich das Blatt erneut zum Guten. Im April 2000 löste das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) das Einspeisegesetz ab. Es garantiert seither Betreibern von Windkraftanlagen einen festen Preis für die Kilowattstunde sauberen Strom. Diese Investitionssicherheit über zwanzig Jahre hat erst den wahren Siegeszug der Windbranche eingeläutet. Binnen zwei Jahren verdoppelte sich die jährlich installierte Kapazität von annähernd 1.650 MW Ende 2000 auf etwa 3.250 MW Ende 2002.
Um dies zu leisten, mussten die deutschen Mühlenbauer und ihre Zulieferindustrie schnell in die Serienfertigung einsteigen. Sie mussten zugleich industrielle Qualitätsstandards erreichen und die Technik permanent fortentwickeln – ein Prozess, der nicht immer ohne Rückschläge verlief. Manche Maschine, manches Bauteil ging zu früh an den Start. Unter diesen Schattenseiten der rasanten Entwicklung hatten und haben vor allem die Pioniere unter den Betreibern zu leiden.
20 Prozent bis 2020
Auch wenn die deutsche Windbranche inzwischen längst nicht mehr allein für den Heimatmarkt produziert: Deutschland braucht einen weiteren Ausbau. Wenn die Klimaschutzziele erreicht werden sollen, spielen die Regenerativenergien, und allen voran der Windkraft, eine zentrale Rolle. Bereits heute sparen die knapp 20.000 MW Turbinen CO2-Emissionen in Höhe von jährlich mehr als 26 Millionen Tonnen ein. Zum Vergleich: Im Emissionshandel werden Kraftwerksbetreiber und Industrie bis zum Jahr 2012 nur 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid vermeiden müssen.
Welcher Ausbau ist möglich? Auf Basis der heute ausgewiesenen Flächen gehen mehrere Studien davon aus, dass in Deutschland an Land rund 30.000 MW Windkraft machbar sind. Das Bundesumweltministerium schätzt in einem Energieszenario, dass die deutsche Windkraft an Land und auf dem Meer bis zum Jahr 2020 rund 80 Terawattstunden Strom erzeugt. Der Bundesverband WindEnergie (BWE) prognostiziert, dass allein die Windenergie an Land dann mehr als 110 Terawattstunden Strom liefern und damit über 20 Prozent des Nettostromverbrauchs decken kann. Zum Vergleich: Aktuell sind es rund 30 Terawattstunden (TWh). Voraussetzung für diese Entwicklung ist, dass im großen Stil repowert wird. Der Ersatz von rund 90 Prozent der heute angeschlossenen Rotoren bringt eine Verdreifachung des aktuellen Energieertrags, rechnet der BWE vor. Weitere 20 TWh kommen von zehn Gigawatt völlig neu installierter Leistung. Wohlgemerkt: Mögliche Beiträge aus Offshore-Parks sind in diesem Szenario gar nicht berücksichtigt.
Damit diese Ziele erreicht werden können, braucht es weiter stabile gesetzliche Rahmenbedingungen. Zwei Vorreiter-Nationen in der Windenergie haben demonstriert, was geschieht, wenn dies nicht der Fall ist: die USA und Dänemark. Die Vereinigten Staaten waren vor mehr als 20 Jahren weltweit technologisch führend. Frühe Fördermaßnahmen ließen tausende Windräder aus der Erde sprießen. Als die Unterstützung endete, geriet die saubere Energie ins Abseits, ja fast in Vergessenheit (siehe Seite 76). So wurden Technik und Know-how seit Ende der Achtzigerjahre zur Domäne europäischer Unternehmen. Und der seit einigen Jahren mit neuer Macht boomende US-Markt ist heute weitgehend auf Maschinen vom alten Kontinent angewiesen (neue energie 7/2006).
Ein erklecklicher Teil an Rotoren und Bauteilen macht sich aus Dänemark auf die lange Reise über den Atlantik. Europas Pionierland selbst wartet dagegen auf sein Happyend: Der skandinavische Nachbar kam dank Einspeisetarif auf einen beeindruckenden Windkraft-Anteil am heimischen Energiemix von rund 20 Prozent. Aber als im Jahr 2001 die Vergütung wegfiel, brach der Markt zusammen (siehe Seite 82). Bis auf zwei Offshore-Projekte, eine Handvoll Testanlagen und Repowering-Projekte ist „etwas faul im Staate Dänemark“.
Jobmotor für rund 70.000 Menschen
Ralf Bischof sieht in einer solchen Entwicklung eine weitere Gefahr: „Wenn in Deutschland keine Turbinen mehr installiert würden, könnten die Hersteller möglicherweise abwandern“, fürchtet der BWE-Geschäftsführer. Das sei aktuell nicht der Fall. Nach wie vor kommen hierzulande jährlich 1.500 bis 2.000 MW Windkraftleistung hinzu.
Dies habe den Aufbau einer vielfältigen, mittelständisch geprägten Branche erst möglich gemacht: 70.000 Menschen, so die neuesten Zahlen des Bundesumweltministeriums, stehen in deutschen Windkraftfirmen in Lohn und Brot. Sie decken eine große Bandbreite ab – vom Werksarbeiter bis zum Forscher, vom Wartungsservice bis zum Windmessinstitut, vom Logistikunternehmen bis zur Eventagentur. Vielerorts sind neue Berufsbilder und eigene Ausbildungsgänge entstanden, die vor wenigen Jahren nicht existierten.
Weiteres Resultat dieser Entwicklung: Deutsche Windräder, Zulieferer und Dienstleister genießen über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf. Das florierende Exportgeschäft kurbelt den Arbeitsmarkt zusätzlich an. Zum Glück, findet Thorsten Herdan, Geschäftsführer bei der VDMA Power Systems. Denn für die deutsche Windindustrie habe es vor einigen Jahren nur zwei Möglichkeiten gegeben: „Entweder Untergang oder der Einstieg in den Weltmarkt“, so Herdan. Dass letzteres gelungen ist, zeigen die aktuellen Zahlen: Mit einer Exportquote von 70 Prozent erreicht die Windindustrie das Außenhandelsniveau des klassischen Maschinenbaus in Deutschland. Eine gute Ausgangsbasis, um in den nächsten zehn Jahren erneut alle Rekorde zu brechen.
